Wiener Walzer tanzen mit Francis Poulenc, in den funkelnden Sternenhimmel schauen mit Reynaldo Hahn, im Arm des Geliebten ein Abendlied singen mit Charles Gounod: Das Liedprogramm dieser CD demonstriert uns, wie anders die Franzosen das Kunstlied rezipierten und prägten. Der eigene, durch und durch französische Tonfall, den man spätestens seit den 1870er Jahren im Nachbarland zu finden strebte, war nicht zuletzt auch ein bewusster Abgrenzungsversuch gegen das deutsche Musikideal.
Graham Johnson, der als einer der erfahrensten Liedpianisten unserer Tage seit vielen Jahren unablässig niveauvolle CDs zu produzieren scheint, hat auch für diese Produktion wieder ein wahrhaft exquisites Programm zusammengestellt, das Genuss ebenso garantiert, wie es Weiterbildung in puncto Repertoirekenntnis ermöglicht.
Mit Alice Coote hat Johnson eine Sängerin gefunden, die bereit ist, den Ausdrucksnuancen der Mélodies bis in die letzten Winkel nachzuspüren. Berührungsängste mit Effekten jeder Art hat sie nicht, ohne dass sie freilich jemals die Grenzen jenes runden, reifen Klanges überschreitet, den ihre gut durchgebildete Stimme hervorbringt. Hierin unterscheidet sie sich etwa von Poulencs Lieblingssänger Pierre Bernac oder auch der Sopranistin Sophie Karthäuser, die jüngst in ihrem Poulenc-Rezital – nicht zum Schaden der Lieder! – durchaus auch mal zu raspeln und zu quietschen bereit war. Alice Cootes Timbre ist vielleicht ein wenig gewöhnungsbedürftig: Es ist nicht gerade vibratoarm, und in der unteren Mittellage klingt Coote irritierenderweise gelegentlich wie anno dazumal die Callas mit ihrem Heiße-Kartoffel-im-Mund-Sound, für den man bei ihr die anatomische Besonderheit eines sehr hohen Gaumens verantwortlich machte. Wie auch immer: Reizvoll ist nicht immer nur die völlige Makellosigkeit – gerade das eine oder andere Sandkorn im Getriebe macht eine Gesangsstimme interessant.

Michael Wersin, 23.05.2015



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