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Jachet de Mantua

Missa Surge Petre & Motets

The Brabant Ensemble, Stephen Rice

Hyperion/Note 1 CDA68088
(76 Min., 4/2014)

Wer sich ausführlicher mit der geistlichen Vokalmusik der Renaissance beschäftigt, der kennt die rätselhafte Sogwirkung dieser faszinierenden polyphonen Verflechtungen von vier, fünf, sechs oder mehr Stimmen, die im vertikalen Miteinander doch stets nur eine durch Vorhaltsbildungen in Spannung versetzte Folge von Dur- und Molldreiklängen ergeben. Oberflächlich betrachtet mögen daher die zahllosen Kompositionen dieser Art, die in Bibliotheken viele Regalmeter an Denkmalausgaben füllen, wie ein graues Einerlei wirken – so sah es merkwürdigerweise auch der Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht. Tatsächlich aber präsentieren diese Messen, Motetten und anderen liturgischen Werke kaleidoskopartig ihr jeweils sehr individuelles Innenleben, wenn man nur ein wenig tiefer hineinschaut. Dies tat für uns Stephen Rice, Leiter des „Brabant Ensemble“, für diese CD am Beispiel von Jachet (italianisiert von „Jacques“) de Mantua (1483 - 1559). Jachet stammte aus der Bretagne und betätigte sich wie viele seiner Komponistenkollegen u.a. in den beiden norditalienischen Kulturzentren Ferrara und Mantua; letzterem Herzogtum hat er seinen Beinamen zu verdanken. Rund 100 Motetten und mindestens 24 Messen stammen aus Jachets Feder. Stephen Rice wählte für diese CD die 1535 bei Attaignant (Paris) gedruckte sechsstimmige Motette „Surge Petre“ („Erhebe dich, Petrus“) samt der dazugehörigen Parodiemesse, die er eigens für diese Produktion zu edieren hatte. Jachet nutzt in diesen materiell eng miteinander verbundenen Kompositionen souverän die klanglichen Möglichkeiten, die ein sechsstimmiges Vokalensemble bietet – etwa Hoch- und Tiefchor-Effekte im Wechsel mit dem erhebend volltönenden Miteinander aller Stimmen. Stephen Rice und seine 13 Sänger liefern eine nicht nur in jeder Hinsicht tadellose, sondern in puncto Klangschönheit auch noch besonders inspirierte Version dieser lange ungehörten Musik. Man darf diese Einspielung darum zu den herausragenden Neuveröffentlichungen auf dem Gebiet der vokalpolyphonen Musik zählen.

Michael Wersin, 23.05.2015



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