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Johann Sebastian Bach

Messe h-Moll

Carolyn Sampson, Anke Vondung, Daniel Johannsen, Tobias Berndt, Gächinger Kantorei Stuttgart, Freiburger Barockorchester, Hans-Christoph Rademann

CAR83314 (2 CDs), CAR83315 (2 CDs + DVD)
(115 Min., 1 & 2/2015) 2 CDs + DVD CDs

Routiniert und mit unbezwinglicher Stringenz steuert Hans-Christoph Rademann sein Ensemble durch Bachs Messe h-Moll – seine tiefe persönliche Vertrautheit mit dem Werk ist ebenso unmittelbar zu erkennen wie sein exaktes Wissen um eine effektvolle Verklanglichung dieser bis heute rätselhaften Partitur. Das Ensemble, das er für diese Aufführung versammeln konnte, ist in mancher Hinsicht ein besonderes: Als neuer Chef der Internationalen Bachakademie Stuttgart übernahm er 2013 den Dirigentenstab Hellmuth Rillings auch als Leiter der Gächinger Kantorei, mit der Rilling jahrzehntelang u.a. seine Bach-Programme gestaltete. Mit etwas über 30 Sängern ist die Gächinger Kantorei vor dem Hintergrund der nunmehr eingeführten „Historisierenden Aufführungspraxis“ noch immer ein recht großer Chor für eine h-Moll-Messe (Suzuki etwa, der auch keineswegs ein „Minimalist“ ist, kam mit kaum mehr als der Hälfte aus), aber sie ist dennoch ein ganz anderes Ensemble: Alte-Musik-erfahrene Vokalisten produzieren jetzt auch hier jenen geschmeidig-flexiblen, rhetorisch generierten, vibratoarmen Gesang, auf den wir wohl nicht mehr verzichten mögen. Dass die Gesangssolisten nicht „Primi inter pares“ im Chor sind, sondern an der Rampe stehen, bleibt weiterhin ein Zugeständnis an die Oratorienpraxis des 19. Jahrhunderts – ebenso wie der etwas pastose Alt Anke Vondungs mit seiner weitestmöglichen Entfernung vom Altus-Ideal heraussticht aus dem sonst so Bach-affinen Timbre der handverlesenen Solistengruppe.
Sensationell ist die Leistung des Freiburger Barockorchesters. Sahnigeres Trompetenspiel, sensibleres und textverwandteres Streichen sowie kreativere, adäquatere Continuo-Improvisation (ein Hoch auf Torsten Johann!) sind nicht leicht zu finden: auch hier ein Paradigmenwechsel im Vergleich zu früheren Zeiten der Bachakademie. Vergessen sei außerdem nicht die philologische Seite: Dank der akribischen Editionsarbeit des Carus-Verlages konnte erstmals mit einem Aufführungsmaterial gearbeitet werden, das im Falle von „Kyrie“ und „Gloria“ konsequent auf Basis des Dresdner Stimmenmaterials, im Falle aller anderen Sätze so genau wie nie zuvor auf Basis einer mit modernsten Mitteln von späteren Zusätzen bereinigten Originalpartitur entstand. Die Doku auf der DVD der Deluxe-Version vermittelt zumindest ansatzweise einen leider nirgends ins Detail gehenden Eindruck von dieser Editionsleistung. Ein Meilenstein also auf dem Weg einer Erneuerung der Bachakademie und der Gächinger Kantorei, die man angesichts einer so edlen Produktion ja schon als vollzogen betrachten darf. Und doch – dieser Kritikpunkt sei zum Schluss gestattet – haben wir vor dem Hintergrund der jüngeren Aufnahmegeschichte hier eine eher makellose, aber auch kühle und selten nur expressiv überschäumende h-Moll-Messe vor uns. Dass man auch mit historisierenden Mitteln nicht zwangsläufig allzu neutral und objektiv in puncto Ausdruck unterwegs sein muss, haben andere schon vorher bewiesen.

Michael Wersin, 19.09.2015



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