Responsive image

Maelstrom

Ulrike Haage

Blue Pearls/Indigo 986102
(65 Min.)

Als Ulrike Haage 2003 als bislang einziger Frau die wichtigste deutsche Jazz-Auszeichnung, der Albert-Mangelsdorff-Preis, zugesprochen wurde, war die Überraschung groß – schien die Pianistin und Komponistin, die bis dahin vor allem durch ihre preisgekrönten Hörspielarbeiten, Gedichtvertonungen und ihre Mitgliedschaft im Pop-Art-Duo „Rainbirds“ bekannt geworden war, doch recht weit entfernt von den üblichen Gestaden des Jazz.
Haage ist nun mal keine gewöhnliche Improvisatorin, fingerfertige Soli hört man von ihr nicht. Wohl aber eine stille Experimentierfreude, was Klangräume, Formen und musikarchitektonische Nuancen angeht. Das gilt auch für ihre vierte Solo-Einspielung seit dem Mangelsdorff-Preis. Diese ist hörbar geprägt von einer Japan-Reise, die die Musikerin vor zwei Jahren in Vorbereitung ihres Soundtracks für den kommenden Doris-Dörrie-Film „Grüße aus Fukushima“ unternahm.
Mit „Harugasumi“ („Frühlingsnebel“) beginnt die Aufnahme. Eigenwillig mäandernde Klavierlinien bestimmen den Anfang des Stücks; jeder Piano-Trio-Kenner wartet darauf, dass endlich die Rhythmusgruppe einsetzt. Doch Runde um Runde bleibt das Klavier allein – bis plötzlich ein flinker Cembalo-Loop das Geschehen bestimmt. Das Spiel mit dem Unerwarteten, das den Hörer aus den Tiefen einer meditativen Versenkung holt, bestimmt „Maelstrom“ immer wieder. Sei es der unvermittelte Samurai-Schrei im Titelstück, der einen Schlagzeug-Groove wie von Taiko-Trommeln martialisch beendet, sei es in den beständigen Variationen des Klangbildes.
Kammer-Jazz mit feinperligem Klavier und luftgetränktem Saxofon wie im Schlussstück „Over The Mountain's Silence” steht da neben manischen, cellogedoppelten Repetitionsmechanismen eines Steve Reich („Steps“), Bugge-Wesseltoft-Electronica („Umbra“) oder hypnotisch-einschläfernden Zen-Soundscapes („Asa Nisi Masa“). So unterschiedlich diese Klangkonstrukte auch sein mögen – sie alle verbinden eine gewisse Kargheit und Strenge, die es auszuhalten gilt.

Josef Engels, 26.09.2015



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top