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Sergei Rachmaninow, Daniil Trifonov

Rachmaninow-Variationen, Paganini-Rhapsodie

Daniil Trifonov, The Philadelphia Orchestra, Yannick Nézet-Séguin

DG/Universal 479 4970
(80 Min., 3/2015)

2013 gelang Daniil Trifonov mit dem Live-Mitschnitt aus der New Yorker Carnegie Hall der endgültige Durchbruch. Nicht allein durch ein fast monströses Programm, das von Sonaten Skrjabins und Liszts bis hin zu Chopins 24 Préludes reichte. Danach war man nur verblüfft, wie hier ein so junger, immer noch leicht jungenhaft wirkender Musiker alles spielend bewältigte, und das nicht nur mit bestechender Brillanz. Das eigentliche Ereignis lag in Trifonovs Kunst, das Manuelle im Ausdruck und Gestalterischen aufzulösen. Während andere, gleichfalls bestens ausgebildete und ähnlich begabte Pianisten zwischendurch gerne einmal zur Unterhaltung eine zirzensische Pirouette auf der Tastatur drehen, schien Trifonov längst aus diesem Alter raus und schon viele Schritte weiter auf dem Weg hin zu einer großen Karriere.
Jetzt legt der Russe sein erstes Studio-Album vor, das sich ausschließlich um Rachmaninow dreht. Neben der unverwüstlichen Paganini-Rhapsodie stehen zwei große Variationsreihen über Themen von Chopin (op. 22) und Corelli (op. 42) auf dem Programm. Zwischendurch streut Trifonov eine fünfsätzige Suite mit dem Titel „Rachmaniana“ ein, die er mal als 18-Jähriger geschrieben hat. Doch auch wenn das romantische Flirren und Flattern, schwärmerische Trillern und nostalgische Seufzen sich ganz auf das russische Seelenleben im 19. Jahrhundert konzentrieren und dabei auch zu Mussorgski tendieren, ist dieses rund 10-minütige Impromptu nicht etwa ein billiges Retro-Imitat. Trifonov beherrscht gar einen gewissen Jazz-Drive, der in seiner unverkrampften Saftigkeit an die musikalischen Exkursionen von Friedrich Gulda erinnert.
Eingerahmt wird diese pianistische Kurzstrecke eben von drei Originalwerken Rachmaninows. Und gleich bei der Paganini-Rhapsodie hat Trifonov mit dem von Yannick Nézet-Séguin geleiteten Philadelphia Orchestra ein Team zur Seite, bei dem es brillant und mit Durchschlagskraft zugeht. Trotzdem setzt man nicht einfach alles auf eine effektvolle Karte, sondern gönnt sich immer wieder Momente, in denen sich die Spannung in einem geschmackvollen Farbenreichtum auflöst. Eine ähnliche Balance aus packendem Zugriff und sublimer Klangentfaltung, aus Expression und Explosivität zeichnet auch Trifonovs Spiel in den beiden Variationsketten aus – wobei er sich bei den Corelli-Metamorphosen vielleicht eine Spur zu pathetisch, zu dunkel, zu dämonisch gibt. Aber im Vergleich zum Gesamteindruck ist das wirklich nur kleinliches Rumnörgeln.

Guido Fischer, 26.09.2015



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