In Kasarova-Konzertkritiken der letzten Zeit fehlt selbst dann, wenn es sich um lobende Kritiken handelt, selten der Hinweis auf technische Auffälligkeiten: Probleme mit der Register-Verbindung etwa oder zu tiefe Intonation. Der Autor hat die vorliegende Veröffentlichung daher nicht ganz ohne eine gewisse Besorgnis in die Hand genommen. Indes war auch klar, dass die genannten Schwierigkeiten tendenziell immer schon zu Kasarovas Gesang gehörten: Sie war niemals eine unbeschwerte Nachtigall, und in ihren besten Momenten waren ihre großartigen Leistungen oft gerade deshalb so eindrucksvoll, weil sie der widerständigen Materie abgerungen zu sein schienen.
Nun das Rezital mit russischen Arien. Der erste Eindruck ist besser als befürchtet: Zu tiefe Töne in größerer Menge hören wir erstmals in der Mitte der CD, und die leichte Matronenhaftigkeit mancher dramatischer Ausbrüche ist verzeihlich. Dafür gibt es aber auch eine Menge ausgesprochen spannungsreich gestalteter Melodiebögen, deren Ausdruckspotential sich ungezwungen und authentisch entfaltet. Und beispielsweise in Dargomyschkis Laura-Lied aus dem „Steinernen Gast“ überzeugt Kasarova über weite Strecken durch ein rollengemäß jugendliches Timbre. Und freilich: Mit der düsteren Kraftfülle ihres Brustregisters kann Kasarova vielerorts beeindrucken wie eh und je. Eigentlich also keine Probleme? Sagen wir so: Das Vibrato ist satter geworden, aber es gerät niemals außer Kontrolle. Wer sich daran nicht stört, der kann das Kasarova-Timbre, die Intensität und Kompromisslosigkeit ihres Interpretations- und Gestaltungsansatzes durchaus genießen – zumal die Baden-Badener Philharmonie unter Pavel Baleff die Dramatik der Musik bis an die Grenzen auszureizen versteht und Kasarova damit einen perfekten Unterbau für ganze große Ausdrucksgesten gibt. Insofern eine mitreißende Produktion.

Michael Wersin, 07.11.2015



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