Der 1920 in Venedig geborene und 1973 in Darmstadt verstorbene Komponist, Dirigent und Lehrer Bruno Maderna gilt als eine der Lichtgestalten der Neuen Musik. Bei den Darmstädter Ferienkursen, diesem intellektuellen Markt- und Umschlagplatz der Nachkriegsavantgarde, zählte er zu den Wortführern. Zu seinen Freunden und Schülern gehörten Luigi Nono und Luciano Berio. Und Maderna teilte sich 1958 mit den Kollegen Boulez und Stockhausen bei der Uraufführung von Stockhausens „Gruppen“ die drei Dirigentenpulte. Doch auch wenn der Italiener kompositorisch die angesagten Neue Musik-Konzepte aus dem FF beherrschte, blieb seine Beschäftigung mit der menschlichen (Gesangs-)Stimme und ihren eben vom italienischen Erbe geprägten Möglichkeiten wohl wichtigster Dreh- und Angelpunkt. Stellvertretend dafür stehen die Solo-Konzerte für Oboe bzw. Flöte, die in den 1950er und 1960er Jahren entstanden sind. Die Grundlagen hatte Maderna bei seinem Lehrer Gian Francesco Malipiero gelegt, der sich schon früh für Monteverdi und Frescobaldi einsetzte. Und mit dem 1946 komponierten „Requiem“ wagte sich der 26-Jährige nicht nur an eine Gattung, der nicht zuletzt Verdi seinen Stempel aufgedrückt hatte. Auslöser dafür waren Madernas Erlebnisse im 2. Weltkrieg und speziell im italienischen Widerstand. Die Uraufführung konnte er jedoch nicht mehr miterleben. Nachdem der amerikanische Komponist Virgil Thomson sein Versprechen nicht einlösen konnte, das „Requiem“ in den USA erstaufführen zu lassen, verschwand die Partitur für die nächsten Jahrzehnte in amerikanischen Archiven. 2013 kam es schließlich in Chemnitz zur Deutschen Erstaufführung dieses u.a. mit drei Klavieren nicht gerade alltäglich besetzten Werks. Der Live-Mitschnitt von dieser Aufführung ist jetzt auch die Weltersteinspielung eines musikalischen Totengedenkens, das klangsprachlich so gar nichts von bevorstehenden Zeitenwechseln in der Musik erahnen lässt. In seiner holzschnittartigen Wucht und Rhythmik ruft das „Requiem“ eher Hindemith, Orff und Strawinski in Erinnerung. Dann wieder scheinen Streicherpathos, unerbittliche Paukenschläge sowie markante Blechbläserfanfaren vom Dramatiker Verdi abgelauscht. Trotzdem strahlt dieses „Requiem“ nicht zuletzt dank einer äußerst engagierten und beeindruckenden Gesamtleistung des von Dirigent Frank Beermann angeführten Musikerstabes eine bewegende Kraft aus, die so gar nicht retrospektiv, sondern aktuell wirkt.

Guido Fischer, 05.12.2015



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