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Johann Crüger, Wilhelm Karges

Wach auff mein Hertz und singe. CrügerConcertChoräle 1649/1657

Musicalische Compagney, Holger Eichhorn

Querstand/harmonia mundi VKJK1527
(69 Min., 11/1984, 10/2014 & 1/2015)

Die protestantischen Kirchenmusiker können ihn gar nicht genug feiern, ihren Martin Luther: Dass der Reformator selbst ein großer Liebhaber der Kunstmusik seiner Zeit war, ermunterte die Musiker unter seinen Anhängern dazu, bei der Entwicklung einer neuen, nunmehr weitgehend deutschsprachigen Kirchenmusik sogleich auf der vollen Höhe des zeitgenössischen Könnens einzusteigen. Während man andernorts noch mit der Frage rang, ob Musik überhaupt einen Platz im reformierten Gottesdienst haben sollte, entstand auf Luthers Anregung hin ein fantastisches deutsches Kirchenliedrepertoire, das pastorale Zwecke ebenso perfekt erfüllte wie es den experimentierfreudigen Komponisten zur Grundlage einer kunstvollen, ungeheuer vielfältigen Mehrstimmigkeit wurde.
Dieses Arbeitsklima ist der Hintergrund auch für jenes „Wunder von Berlin“, den „magic moment“, der auf dieser CD hochkompetent repräsentiert ist: Johann Crüger, Kantor der Berliner Nikolaikirche, traf 1643 auf den Lieddichter Paul Gerhardt. Diese Begegnung bescherte der Nachwelt eine ganze Reihe der schönsten Kirchenlieder. Darüber hinaus widmete sich Crüger in seiner langen Berliner Zeit der Bearbeitung des protestantischen Liedrepertoires: In zwei Veröffentlichungen legte er 1649 und 1657 kunstvolle Bearbeitungen der Choräle vor, zu deren Merkmalen zwei konzertante Instrumental-Oberstimmen gehören. Vierstimmiger Choralgesang und Concerto-Prinzip werden zusammengeführt – eine bahnbrechende Erfindung, wie Holger Eichhorn zu Recht im Beihefttext jubelt. Weil es beinahe zu jedem Lied zwei unterschiedliche, aber harmonisch kompatible Versionen gibt, eignen sich die Stücke zur Kombination im Baukastenprinzip – die uralte Alternatim-Praxis des Abwechselns der Besetzungen kann hier zu neuer Blüte gelangen.
Holger Eichhorn hat all dies schon 1984 in einer Produktion des SFB exemplarisch vorgeführt, und er hat das seinerzeit eingespielte Repertoire mit einer Neuaufnahme in diesem Jahr maßgeblich erweitert. Und so genießen wir auf dieser CD Crügers großartige Choral-Harmonisierungen samt fröhlich-virtuosen Oberstimmen in einer Originalklangpraxis, die ihresgleichen sucht: Violinen, Zinken und Posaunen konzertieren über Continuo-Basis mit hervorragend disponierten Sängern in wunderbar reiner historischer Stimmung. Jedes Textwort ist dank sorgfältigster Sprachbehandlung verständlich. Die Melodien erblühen im vierstimmigen Vokalsatz ebenso prächtig wie beim Sologesang über instrumentaler Begleitung. Wie wunderbar einfach und gleichzeitig faszinierend vielfältig sind diese Sätze! Heutige Gesangbuchmaterialien-Herausgeber könnten sich weit mehr als nur eine Scheibe davon abschneiden. Wer diese CD vor Weihnachten noch ergattern kann, der eile und laufe.

Michael Wersin, 19.12.2015



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