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Johannes Brahms

Bach - Brahms

Anna Vinnitskaya

Alpha/Note 1 Alpha 231
(72 Min., 9/2015)

Rätselhafter Brahms: Eine sehr romantische und eine betont konstruktivistische Seite hat er – entsprechend wohl seiner schwer zugänglichen privaten Persönlichkeit, in der zweifellos immer wieder tobende emotionale Stürme unter einer dicken Schale schroffer Nüchternheit verborgen wurden. So gibt er auch posthum noch zahllosen Interpreten harte Nüsse zu knacken: Soll man seine Musik mehr bei den romantischen Wurzeln packen, soll man eher die strukturelle Raffinesse in den Vordergrund stellen oder soll man gar die Ebene der pianistischen Virtuosität betonen, von der die Klaviermusik – Brahms war ein teuflisch guter Spieler! – doch auch so klar geprägt ist.
Anna Vinnitskaya, unverschämt junge Klavierprofessorin in Hamburg und herausragendes Ausnahmetalent, findet für diesen Fragenkomplex überzeugende Lösungen. Dass sie eine Bach-Transkription des sehr an Alter Musik interessierten Meisters – seine Bearbeitung der d-Moll-Violinchaconne für die linke Hand allein – an den Beginn des Programms stellt, lässt sogleich aufmerken. Mit großem interpretatorischem Atem wird sie der Architektur des langen Stückes ohne Weiteres gerecht. Sie adelt die Bearbeitung zudem durch einen ausgereift feinsinnigen pianistischen Zugang, der die Violinen-Herkunft des Werkes gerade so weit vergessen lässt, dass es als ganz eigenständiges, eigenwertiges Opus bestehen kann.
Dann geht es in medias res: Der Beginn der Klavierstücke op. 76, das gewaltige Auftürmen der fis-Moll-Klangwelt im ersten Capriccio, wird von Vinnitskaya in puncto Klangregie so delikat ausgestaltet und gleichzeitig so atemberaubend virtuos umgesetzt, dass ihr integratives Talent im Blick auf die oben genannten Aspekte in wenigen Sekunden mit größter Deutlichkeit zu Tage tritt. Wir werden auch im weiteren Verlauf des Programms nicht enttäuscht. Anna Vinnitskaya präsentiert uns Brahms auf Basis einer ebenso analytischen wie auch wiederum synthetischen Herangehensweise in der vollen Breite seines ästhetischen Horizonts: stolzer Klaviervirtuose, von Robert Schumann geehrter Romantiker, eigensinniger Sucher auf ebenjenen „neuen Bahnen“, die Schumann im Blick auf sein Frühwerk zu erhoffen gewagt hatte – und schließlich zwanghaft um Contenance bemühter kühler Konstrukteur. Dass der Interpretin ein so breiter Ansatz nicht in Einzelteile zerfällt, sondern im Gegenteil ein großes Ganzes ergibt, verdient höchstes Lob.

Michael Wersin, 12.03.2016



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