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Thomas Tallis

Lamentations Jeremiae

The Cardinall’s Musick, Andrew Carwood

Hyperion/Note 1 CDA68121
(73 Min., 11/2014)

Das 16. Jahrhundert war in konfessionellen Dingen eine Zeit gewaltiger Umbrüche – mehr noch als auf dem Kontinent vielleicht in England: Dort war der Beginn der reformatorischen Vorgänge nicht geprägt durch das Wirken einer religiös äußerst integren Figur wie Martin Luther, sondern durch das herrische Gebaren eines Henry VIII., der seine persönlichen Interessen bis zum Bruch mit Rom vorantrieb und sich selbst an die Spitze einer neuen Landeskirche stellte.
Nicht leicht hatten es in dieser Zeit und in den wechselvollen nachfolgenden Jahrzehnten u.a. die Komponisten: Die für den Gottesdienst relevanten musikalischen Gattungen wechselten mehrfach, darüber hinaus gab es auch stilistische Vorgaben über die Art der Textvertonung. Abgesehen davon stimmten häufig persönliches Bekenntnis und berufliche Erfordernisse inhaltlich nicht überein – eine angespannte Lage, die sich zweifellos auch kreativitätsbremsend auswirken konnte.
Von solchen Wechselfällen zeugt auch das Werk von Thomas Tallis: Lateinische Vertonungen der Klagelieder des Jeremias, englischsprachige Messsätze, lateinische Hymnen, englische Psalmen und manche Dinge mehr finden sich in seinen kompositorischen Hinterlassenschaften. Andrew Carwoods kompetenter Beiheft-Text ist für das Verständnis dieser Buntheit zumindest im Ansatz sehr hilfreich. Der unverwechselbare Klang seines Ensembles „The Cardinall’s Musick“ – stark in den tiefen Registern, prägnant und kernig bis hin zur markanten Rauheit – ist hier einmal wieder „at it’s best“ zu erleben: Als reiner Männer-Sound in den „Lamentations“, mit leuchtend klaren Frauenstimmen in vielen anderen Stücken. England ist und bleibt das Land des hochkarätigen Ensemblegesangs auch auf höchstem Niveau – wir genießen es.

Michael Wersin, 07.05.2016



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