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Johann Sebastian Bach

Die Cello-Suiten

Matt Haimovitz

Pentatone/Naxos PTC 5186 555
(133 Min., 4/2015) 2 CDs, SACDs

Für jeden Cellisten, der die Alte Musik als relevanten Bestandteil seines Repertoires betrachtet, sind Bachs Cello-Suiten eine Art Bibel, ein Meilenstein seines Schaffens und eine permanente Herausforderung. Beihefttexte zu Aufnahmen – viele Cellisten produzieren mehrere Versionen des gesamten Zyklus – gleichen oft Bekenntnissen. Das ist auch bei Matt Haimovitz nicht anders. Seine ausführlichen einleitenden Worte wecken augenblicklich Sympathie, sind sie doch eine Mischung aus Erfahrungsbericht und Dokument der Auseinandersetzung mit den Urtexten. Haimovitz stützt sich nach Studium aller verfügbaren Ausgaben und vieler Aufnahmen von Kollegen nun auf die Abschrift Anna Magdalena Bachs (das Autograf Bachs ist ja verloren), und seine detaillierten Beschreibungen einiger aufführungspraktischer Probleme sind am PC gut nachvollziehbar, weil Anna Magdalenas Abschrift im Netz leicht als Digitalisat zu finden ist.
Seine Darbietung schließlich zeugt von weitreichender Auseinandersetzung und Erfahrung mit diesen Stücken, die er oft schon live als Zyklus gespielt hat. Sie dokumentiert dort, wo sie nicht hundertprozentig entspannt klingt, auch die Schwierigkeit, sich auf Basis von so viel Erfahrung für eine Art der Ausführung zu entscheiden. Und sie kündet davon, dass am Ende doch der persönliche Ausdruckswillen des Künstlers Richtschnur für die Wiedergabe sein muss. Die Expressivität, die aus Haimovitz‘ sehr freiem Umgang mit dem Metrum in manchen Sätzen resultiert, belegt, dass die intensiven Studien ihm den unmittelbaren Zugang zur Ausdruckssphäre dieser Musik nicht verbaut haben. Die Entscheidungen, die er etwa in artikulatorischer Hinsicht trifft, wenn er sich – wie im Fall des Préludes der ersten Suite – von Anna Magdalenas Bogensetzung zu einer grundlegenden interpretatorischen Herangehensweise inspirieren lässt, zeugen letztendlich auch von jenem Pragmatismus, der bei aller Genauigkeit Maßgabe des Handelns sein muss: Auch Anna Magdalena setzte die Bögen beim Abschreiben nicht immer konsequent, und aus ihrer Kopie die wahren Intentionen des Meisters herauslesen zu wollen, bleibt dann doch ein hoffnungsloses Unterfangen. Es lebe die Kreativität und auch der Mut, sich zu ihr zu bekennen.

Michael Wersin, 14.05.2016



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