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Johann Sebastian Bach

All You Need Is Bach (Französische Suite Nr. 5, Triosonate Nr. 1 & 3, Passacaglia und Fuge u.a.)

Cameron Carpenter

Sony 8887518262
(73 Min., 10/2015)

Ganz zum Schluss zieht Cameron Carpenter noch mal alle Register. Und sofort fällt einem wieder ein Satz von Karlheinz Stockhausen ein, mit dem er einmal den glückbringenden Moment im Leben eines Musikers auf den Punkt gebracht hat: „Wer ins Schwarze getroffen hat, hat ins Schwarze getroffen, ganz egal, wann, wie und wo. Und wenn einer ins Schwarze getroffen hat, klingelt die ganze Schießbude, und alle Lampen gehen an für einen Augenblick.“ Was Stockhausen im übertragenen wie im Wortsinne damit gemeint hat, zeigt Carpenter in nur 80 Sekunden. Und zwar in Anlehnung an den Beatles-Klassiker „All You Need Is Love“, den er jetzt in „All You Need Is Bach“ umtauft und mit der 8. Invention kreuzt. Erst kommt der Trommelwirbel – bevor es aus Carpenters „International Touring Organ“ glitzert und funkelt und sie sich in eine herrlich bunt-schräge Zirkusorgel verwandelt, bei der alle Lampen angehen. Wow! Und wer danach immer noch die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und über die Entweihung des göttlichen Bach jammert, der besitzt leider eine eher antiquierte Vorstellung von musikalischer Erbauung.
Auf seiner Orgel, auf der er eine unvorstellbare Palette an Klangfarben produzieren kann, bringt Carpenter damit einerseits wieder etwas von jenem Glamour ins Spiel, mit dem er das Orgelrepertoire seit vielen Jahren mächtig durchgepustet hat. Zugleich weiß der Amerikaner natürlich nur allzu genau um die Dimensionen der für Orgel geschriebenen Bach-Kathedralen. Die Passacaglia und Fuge BWV 582 entwickelt sich unter seinen Händen zu einem intellektuellen und sinnlichen Großereignis. Gleiches gelingt Carpenter mit dem „Contrapunctus IX“ aus der „Kunst der Fuge“, bei der Gelehrsamkeit in Vergnügen umschlägt. Und zwischen zwei Triosonaten sowie dem Präludium und Fuge h-Moll BVW 544 gibt Carpenter ein Arrangement der für Cembalo geschriebenen Französischen Suite Nr. 5 nicht allein zum Besten: Hier gehen einmal mehr, quer durch den harmonischen und rhythmischen Reichtum, sämtliche Lampen an.

Guido Fischer, 04.06.2016



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