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Über und unter

Julia Kadel Trio

Blue Note/Universal 4782399
(51 Min.)

Mit ihrem Debüt als erste deutsche Jazzmusikerin beim Traditionslabel Blue Note seit Jutta Hipp ließ die Pianistin Julia Kadel vor zwei Jahren aufmerken. Da präsentierte sich eine Endzwanzigerin im Verbund mit ihren gleichaltrigen Kollaborateuren – Karl-Erik Engelmann am Bass und Steffen Roth am Schlagzeug – als erstaunlich reife Künstlerin.
Nun, mit der zweiten Aufnahme, ist aus dem Aufhorchen respektvolle Verblüffung geworden. Denn bei „Über und unter“ lässt das Dreiergespann beinahe alle an andere populäre Klaviertrios der vergangenen Jahre erinnernden Elemente weg, die beim Erstling noch hier und da zu hören waren.
Kadel, die in ihrem Spiel oft wie eine sanfte Enkelin Joachim Kühns anmutet, hat sich mit ihren Mitstreitern regelrecht freigeschwommen. Bei den Stücken mit ihren unorthodoxen Verläufen lässt sich nie zweifelsfrei sagen, ob sie nun ins Reich der Klassik, der Neutönerei, des Jazz oder der Filmmusik gehören. Verbindendes Element ist die ergebnisoffene Herangehensweise an das Material, dessen jeweilige Struktur und Atmosphäre nicht durch eine klare kompositorische Vorgabe bestimmt zu sein scheinen, sondern durch die gleichermaßen simplen wie starken Stücktitel.
„Held“ feiert einen lichten Heroen mit tänzelnden rhythmischen Asymmetrien und einem brummkreiselartigen Austrudeln, das wie die Erschöpfung nach einem großen Kampf klingt. Vielleicht ist aber auch Pablo Held gemeint, der in seinem Trio durchaus ähnlich agiert wie Julia Kadel und die Ihren?
„Schlagabtausch“ gibt Drummer Roth die Gelegenheit, heftig mit sich selbst zu ringen und gleichzeitig die Bandleaderin in ein fiebriges, swingendes Solo zu peitschen. In „Unter der Erde“ rumort Engelmanns Bass im tiefsten Erdreich, um von den Spatenstichen des mit Becken und Schellen schweißnass hantierenden Schlagzeugers ans Tageslicht befördert zu werden.
„Irgendwo dazwischen“ mag als Stücktitel am treffendsten die stilistische Verortung des Trios beschreiben. In Wirklichkeit aber sind Kadel, Engelmann und Roth mit ihrer über und unter den Grenzen des Jazzhorizonts schwebenden Musik ganz bei sich.

Josef Engels, 09.07.2016



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