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York Höller

Streichquartette u.a.

Minguet Quartett, Markus Bellheim

NEOS/Harmonia Mundi 11518
(70 Min., 2 & 11/2011)

Zu den prägendsten Figuren in seiner Jugend gehörten Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen. Und in den 1960er Jahren zog es York Höller schon mal in die Hochburg der Neuen Musik, nach Darmstadt, um dort Adorno zu lauschen. Trotz dieser Nähe zu den Lichtgestalten des musikalischen Fortschritts fühlte sich der gebürtige Leverkusener aber scheinbar schon früh nicht von irgendwelchen Klangideologien angezogen. Die 1966 im Alter von 22 Jahren komponierten „Drei Fragmente“ für Streichquartett belegen das. Zumal sie einen nicht nur wegen der hochgradig gespannten Ton-Fäden und der heftig postexpressionistischen Unruhe in den Bann ziehen. Hier war ein aufstrebender Jungkomponist am Werk, der unüberhörbar vor Selbstbewusstsein nur so strotzte. Genau ein halbes Jahrhundert später hat nun das Minguet Quartett diese „Fragmente“ an den Anfang ihrer Höller-Hommage gestellt. Und wie man es von diesem Ausnahmeensemble gewohnt ist, nehmen es die vier Musiker mit diesen enorm konzentrierten Klanggedankengängen nicht nur hellwach auf, sondern gleichfalls mit dem nötigen Élan vital. Doch nicht nur hier muss man sich einfach nur wundern, warum der Kammermusiker und speziell der Streichquartettkomponist Höller selbst in ambitionierten Konzert-Abo-Reihen einfach nicht präsent ist. Denn obwohl er auch in den nachfolgenden Beschäftigungen mit der kammermusikalischen Königsgattung keinesfalls auf den Publikumsgeschmack setzte und stattdessen dem bisher Unentdeckten und Unerforschten nachging, besitzt seine Musik stets eine anspringende Unmittelbarkeit und einen ungeheuren Reichtum an Ausdruckvaleurs. Das mit „Antiphon“ bezeichnete 1. Streichquartett (1976/1984) entwickelt sich da über elektronisch transformierte Streichquartettklänge zu einer faszinierenden Hommage an die Gregorianik. Und ebenfalls das 1997 geschriebene 2. Streichquartett bekennt sich zur großen Musikgeschichte – mit seinem Rückgriff auf den Hymnus „Veni creatur spiritus“. „Zwiegestalt“ für Streichquartett und Klavier (2007/2008) ist schließlich das jüngste der vier eingespielten Werke, bei dem sich die Minguets zusammen mit Pianist Markus Bellheim durch ungewisses Terrain zu tasten scheinen – bevor es motorisch urgewaltig losgeht. Beeindruckende Musik, toll gespielt.

Guido Fischer, 20.08.2016



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