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Shelter

Sebastian Noelle

Fresh Sound New Talent/Fenn FSN 494
(68 Min., 9/2015)

„Home In A Strange Land“ heißt eine der Kompositionen auf Sebastian Noelles dritter CD beim „Fresh Sound New Talent“-Label. Der Titel lässt sich durchaus als ästhetisches Programm des in Göttingen geborenen Gitarristen verstehen. Noelle ist nämlich an verschiedenen seltsamen Orten zu Hause. Etwa in New York, wo er seit 2002 lebt und als fester Bestandteil der dortigen Szene fungiert, was sich unter anderem in Kollaborationen mit Chris Potter, Darcy James Argue oder seinem Mentor John Abercrombie niederschlug.
Aber auch die deutsche Kultur ist in Noelles Herzen immer noch sehr präsent, wie man dem Stücktitel „Naphta vs. Settembrini“ entnehmen kann. Die philosophischen Kontrahenten aus Thomas Manns „Zauberberg“ führen ihren Disput mit den Stimmen von Noelles fabelhaften Quartett (Marc Mommaas: Tenorsax, Matt Mitchell: Klavier, Matt Clohesy: Bass, Dan Weiss: Drums) weiter; zunächst diskutieren Gitarre und Saxofon freundlich miteinander, dann aber bricht ein aufgeheizter Balkan-Groove in das musikalische Geschehen ein wie der Donnerschlag des Ersten Weltkriegs in Manns Roman.
Es gibt aber noch eine dritte Welt, in der sich Noelle heimisch fühlt. Es ist die der nordindischen Rhythmen. Und dieser Einfluss ist nicht nur in der Bearbeitung des klassischen Ragas „Ahir Bhairav“ offensichtlich. Jedes Stück des Gitarristen wird von krummen Metren getragen, die mal komplex hintereinandergeschaltet, mal übereinandergelegt werden.
Das Ergebnis dieser Fusion der Kontinente ist faszinierend. Noelle und seine Mitmusiker entwickeln durch die kompakte Verfugung nordamerikanischer Jazzstilistiken wie Swing, Latin oder Jazzrock mit europäischem Understatement und höherer indischer Rhythmusmathematik eine Sogwirkung, die tatsächlich einmalig ist. Auch der Hörer wird so zum Bewohner eines eigentümlich fruchtbaren Landstrichs jenseits des Mainstreams.

Josef Engels, 27.08.2016



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