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Paul Juon

Lieder

Maria Riccarda Wesseling, Clau Scherrer

Coviello/Note 1 COV 91612
(58 Min., 6/2015)

Moskau, Berlin, Baku, Vevey – weit herumgekommen ist der Komponist Paul Juon (1872-1940), dessen Großvater einst aus dem graubündnerischen Masein nach Moskau ausgewandert war. Als sein Enkel sich dann 1934 im welschen Vevey niederließ und Schweizer wurde, schloss sich somit – zumindest beinahe – ein weiter Kreis.
Juons Kompositionsstil, der uns hier exemplarisch in Gestalt von 24 Liedern begegnet, atmet durchaus den Geist des Kosmopolitentums: Man hört den Einfluss der russischen Klavier-Tradition ebenso wie denjenigen der deutschen Spätest-Romantik à la Brahms. Die Harmonik ist ebenso üppig wie der Klaviersatz, der den äußerst gewandten Pianisten verrät; die Melodik mal volkstümlich angehaucht, mal weit ausgreifend, immer aber textnah und in jeder Hinsicht Text-vermittelnd.
Die Mezzosopranistin Maria Riccarda Wesseling (sie hat wie Juon schweizerische Wurzeln) und ihr in Graubünden beheimateter Begleiter Clau Scherrer haben sich hörbar in Juons Lieder verliebt – mit vollkommen ungekünstelter Leidenschaft zelebrieren sie seine Musik, die freilich seit Jahrzehnten schon weitgehend der Vergessenheit anheimgefallen ist. Ihre Qualität erstaunt: Das hier repräsentierte Liedschaffen ist zwar nicht so psychologisierend wie etwa das Liedschaffen von Hugo Wolf – ein Vergleich der Vertonungen von Mörikes „Verlassenem Mägdlein“ etwa macht dies unmittelbar deutlich –, sondern pflegt mehr die große musikantische Geste, die wir von Richard Strauss oder auch von Joseph Marx kennen. Aber es zeugt in jedem Takt doch von der großen Liebe des Komponisten zur deutschen Sprache, die ihm offenbar trotz russischer Kinder- und Jugendzeit zutiefst vertraut gewesen ist. Rilke, Eichendorff und Dehmel finden sich unter den vertonten Dichtern, und die Texte sind hinsichtlich ihrer Musikabilität gut gewählt.
Ein explizites Lob sei nochmals den beiden Interpreten ausgesprochen: Ihr Können, gepaart mit Natürlichkeit und Charme, macht Juons Musik alle Ehre.

Michael Wersin, 27.08.2016



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