Bekanntermaßen war Igor Strawinski ein Komponist, der gerne den Weg zurück nach vorne ging. Ob nun in seinen epochalen Ballettwürfen, in seiner neo-klassizistischen Phase oder in den 1950er Jahren, als er sich im Herbst seines künstlerischen Lebens erstmals mit der liturgischen Musik beschäftigte. Diesem Werkkapitel hat sich jetzt Philippe Herreweghe mit seinem Collegium Vocale Gent und dem Royal Flemish Philharmonic gewidmet. Und wer möglicherweise noch nie eine Note aus dem späten Schaffen Strawinskis gehört und stattdessen die rhythmische Fulminanz etwa seines „Sacre“ im Ohr hat, der wird kaum glauben können, dass er zu einer solch kargen Klanghandschrift fähig war. Ausgelöst hatte die Beschäftigung mit der Requiem-Form (in „Requiem canticles“) sowie den alttestamentarischen Jeremiah-Klageliedern (in: „Threni: Id est lamentationes Jeremiae Prophetae“) die Chormusik des 14. & 15. Jahrhunderts, die Strawinski in den 1940er Jahren für sich entdeckt hatte. Ein Jahrzehnt später setzte er sich schließlich an Chorwerke, die ihre archaische Aura auch der Berücksichtigung aktueller Neue Musik-Trends verdanken – Stichwort: Serialismus. Keine Tongeste erscheint jetzt zuviel. Nichts kann diese eigentümliche Strenge und Konzentration verunsichern. Und trotz dieser oftmals sehnig wirkenden Gesänge üben nicht zuletzt die beiden Hauptwerke dieser Neuaufnahme – „Threni“, „Requiem canticles“ – eine ungemeine Faszination aus. Zumal Herreweghe und seine Interpreten genau zu dieser einzigartigen Balance aus Formbewusstsein und andachtsvoller Intensität finden, die für diese gar nicht leicht aufzuführenden und auch für Hörer anspruchsvollen Klang-Bekenntnisse nötig ist. Abgerundet wird dieses phänomenale Strawinski-Album von zwei kürzen Chorwerken, von der Gesualdo-Hommage „Da pacem domine“ (1957) sowie dem Anthem „The Dove Descending Breaks The Air“, das 1962 für ein englisches Gesangsbuch entstanden war.

Guido Fischer, 27.08.2016



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