Rund zwanzig Jahre lang haben Nikolaus Harnoncourt und Gustav Leonhardt mit ihren jeweiligen Instrumentalisten sowie mit verschiedenen Chören und Solisten an ihrer Bachkantaten-Gesamtaufnahme gearbeitet: Als sie Ende der 60er Jahre begannen, war Karl Richter noch in den besten Jahren, und als sie Ende der 80er Jahre fertig waren, hatten Gardiner, Parrott und viele andere schon wichtige Einspielungen Bachscher Werke in historisch informierter Aufführungspraxis auf Tonträger gebannt. Alle anderen, die danach Bachs Kantatenwerk komplett eingespielt haben, bewältigten diese Aufgabe deutlich schneller – und dennoch war Harnoncourts und Leonhardts Mammutproduktion bei Fertigstellung die erste Gesamtaufnahme auf historischen Instrumenten.
Die beiden Dirigenten arbeiteten weitgehend mit Knabenchören und mit Knaben-Sopransolisten, hierin waren sie historischer als alle, die nach ihnen kamen – es ist eine der Achillesversen der historisierenden Praxis: Wer möchte heute schon auf die Reife und Erfahrung speziell ausgebildeter erwachsener Ensemble-Sänger verzichten?
Harnoncourt und Leonhardt gingen mit bewundernswerter Ruhe und Gelassenheit ans Werk – die älteren unter uns erinnern sich, wie lange man jeweils auf eine neue Folge jener schmalen dunkelbraunen Schallplatten-Boxen warten musste. Die Kantaten erschienen darin in der numerischen Reihenfolge des Bach-Werk-Verzeichnisses – auch das ist ungewöhnlich.
Es wechselten naturgemäß wieder und wieder die Knabensolisten, andere Sängernamen hielten sich erstaunlich konstant in den Beiheften: Max van Egmond (Bass) begann als wohltimbrierter Anfangsvierziger in BWV 1 gemeinsam mit dem robusten und nicht minder klangschön agierenden Kurt Equiluz (Tenor) und dem brillanten Altus Paul Esswood; alle drei blieben bis kurz vor Schluss der Gesamteinspielung, ergänzt durch jüngere Kräfte wie Thomas Hampson, Harry van der Kamp, René Jacobs oder John Elwes. Hin und wieder gönnte man sich für besondere solistische Aufgaben ganz andere Vokalisten: Michael Schopper gestaltete 1976 eine herrliche Version der „Kreuzstabkantaten“, und BWV 199 „Mein Herze schwimmt in Blut“ durfte 1988 Barbara Bonney mit mäßigerem Erfolg (was auch am Orchester liegt) zum Besten geben.
Die beiden großen Geister hinter diesem Projekt sind mittlerweile verstorben; nun liegt ihre gewaltige Leistung in einer handlichen Box vor. Es fehlt dieser Edition leider eine Dokumentation der Produktion, und es fehlen (genau wie früher den Schallplatten und später auch den einzelnen CD-Boxen) die Namen der Orchestermusiker, was sehr bedauerlich ist. Umso mehr tritt der reine Höreindruck in den Vordergrund, und der ist auch nach so langer Zeit und so vielen „moderneren historisierenden“ Versionen der einzelnen Stücke immer noch über weite Strecken beeindruckend und beglückend: Der Hörer wird nicht nur Zeuge einer ungeheuren Interpretationsleistung – wie viele praktische Fragen waren seinerzeit noch ungeklärt! –, sondern kann auch unendlich viele der zahllosen Chöre, Rezitative, Arien und Choräle noch ganz unmittelbar in vollen Zügen genießen.

Michael Wersin, 17.09.2016



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