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Beyond Now

Donny McCaslin

Motéma/Membran 234310
(63 Min., 4/2016)

Groß war der Schock in der Pop-Welt, als David Bowie im Januar nur zwei Tage nach der Veröffentlichung seines Albums „Blackstar“ verstarb. Der Thin White Duke ist nicht mehr – die Band aber, die ihn bei seinen letzten Aufnahmen begleitete, macht weiter. Und verwandelt die Trauer in das denkbar Beste: in waghalsige, unorthodoxe Musik, die Bowies Erbe im Jazzkontext weiterschreibt.
Der Einfluss des Sängers ist auf „Beyond Now“ an vielen Stellen zu spüren. Das Titelstück beispielsweise basiert auf einer Nummer, die Saxofonist Donny McCaslin, Keyboarder Jason Lindner, Bassist Tim Lefebvre und Schlagzeuger Mark Guiliana bei den „Blackstar“-Sessions eingespielt hatten, die es dann aber letztendlich nicht auf die Platte schaffte.
Das Stück „Beyond Now“ ist geradezu prototypisch für den genredurchlässigen Stil des Quartetts, der sich nur mit entsprechender Bildbrüchigkeit beschreiben lässt: Ein knarziger Rock-Bass trifft da auf ein frei drehendes Keyboard mit Halsschmerzen; das Saxofon segelt wie ein scharf beobachtender Adler mit noch schärferen Fängen über eine Ursuppe, die nach dem Rezept von „In A Silent Way“ abgeschmeckt wurde. Dann, für einen kurzen Moment, versammelt man sich innerlich singend zu einem Indierock-Hymnus – um zum Schluss dem Schlagzeuger die Chance zu geben, filigran alles niederzutrommeln.
Besonders spürbar ist der Bowie-Einfluss natürlich in den Bearbeitungen seiner Lieder, die McCaslin und die Seinen auf „Beyond Now“ vornehmen. „A Small Plot Of Land“, das 1995 im Original sogar einigermaßen jazzy war, klingt hier plötzlich wie aus den Industrial-Alpträumen Trent Reznors entstiegen und bietet dem Sänger Jeff Taylor die Gelegenheit, sich stimmlich irgendwo zwischen Bowie und Theo Bleckmann einzuordnen. Im instrumentalen „Warszawa“ wiederum taumelt McCaslins Saxofon durch kaputte Ambient-Landschaften wie Bowie einst durchs abgeranzte Berlin.
Seinen Freigeist und seine Neugier zeigt das Quartett auch in der Auswahl der anderen Coverversionen, mit denen „Beyond Now“ neben fünf Kompositionen McCaslins bestückt ist: Da ist für die eigentümliche Ballade des kanadischen Houseproduzenten dmau5 („Coelacanth 1“) ebenso Platz wie für das Lied einer obskuren amerikanischen Alternative-Rock-Combo namens Mutemath („Remain“). Aber egal, was McCaslin und seine Jungs spielen: Es bleibt in dieser speziellen Mischung aus absurden Sounds, höchst abstrakten Saxofonlinien und melodiösen Ausbrüchen immer ihr Ding. David Bowie hätte sich keine kongenialeren Musiker für sein Requiem wünschen können.

Josef Engels, 22.10.2016



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