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Matthias Pintscher

bereshit, Uriel, Songs From Solomon’s Garden

Matthias Pintscher, Ensemble Intercontemporain, Éric-Maria Couturier, Dimitri Vassilakis, Evan Hughes

alpha/Note 1 ALP 218
(74 Min., 9/2014, 4 & 5/2016)

„Mein Denken als Dirigent ist entscheidend beeinflusst vom eigenen Komponieren, und umgekehrt.“ So hat Matthias Pintscher einmal sein musikalisches Künstlerdasein beschrieben. Dass der in Marl geborene Kompositionsschüler von u.a. Giselher Klebe und Manfred Trojahn in der Doppelfunktion als Komponist und Dirigent aber eben nicht nur im hochdotierten Klassik-Establishment angekommen ist, verdeutlichte 2013 seine Berufung zum musikalischen Direktor des einst von Pierre Boulez gegründeten Pariser Ensemble Intercontemporain. Und eines der ersten Stücke, das Pintscher mit ihm aufführte, war sein erst kurz zuvor in New York uraufgeführtes Orchesterstück „bereshit“. Der Titel „bereshit“ ist das erste Wort der Torah und bezeichnet den Anfang aller Anfänge. So entwächst dieses für 28 Musiker komponierte Ensemblewerk denn auch wie aus dem Nichts, um sich aus dem schemenhaften Anfangsklang zu einem sich spannungsvoll verzweigenden Klangkörper zu entwickeln, der die kammermusikalischen Dimensionen des Ensembleapparats sprengt. Zugleich schafft Pintscher stets Momente des Uneindeutigen und Flüchtigen sowie ungemein feingliedrig gestaltete, sich geheimnisvoll öffnende Klangzwischenräume, die sich an die Fantasie des Zuhörers richten. Mit „bereshit“ hat Matthias Pintscher, der sich als einen sehr spirituellen Menschen bezeichnet, seine musikalische Beschäftigung mit dem Alten Testament fortgesetzt – nach dem Violinkonzert „Mar´eh“ und dem Chorwerk „she-cholat ahava ani”. Und bereits 2012 gab er in der Schriftenreihe „Glaubensfragen” des Lucerne Festivals einen Einblick in seinen jüdischen Glauben, der auch sein musikalisches Denken bestimmt.
Zugleich ist Pintscher auch ein großer Kunstkenner. Und diese beiden Seiten, das Religiös-Spirituelle und das Bildnerisch-Künstlerische, spiegeln die beiden weiteren Werke wider. Wie groß die Kluft zwischen Bezugsquelle und Resultat dabei ausfallen kann, dokumentiert das wie „bereshit“ 2012 entstandene Stück „Uriel“ für Cello und Klavier (mit Éric-Maria Couturier und Dimitri Vassilakis). Immerhin steht es mit seinen filigranen, oftmals tonsplitterhaften Klangzeichen im völligen Gegensatz zu dem flächigen, abstrakten Expressionismus eines Barnett Newman. Die „Songs From Solomon´s Garden” (2009) für Bariton und Kammerorchester (mit Bariton Evan Hughes) sind hingegen eine weitere Auseinandersetzung Pintschers mit dem Schaffen Cy Twomblys. Zugleich durchtost diese in hebräischer Sprache gesungene bzw. psalmodierte Vertonung eines Ausschnitts aus dem „Hohelied“ ein Ton der Aussichtslosigkeit, der puren Verzweiflung angesichts des Leidens im Leben. Gemeinsam mit den fantastischen Musikern des Ensemble Intercontemporain gelingt Pintscher auch hier eine mehr als nur eindrucksvolle Einladung, sich auf seine auch virtuos verwinkelten Musikgedanken einzulassen.

Guido Fischer, 22.10.2016



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