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I Thought About You

Alexander Stewart

Herzog Records/Soulfood 901053HER
(48 Min., 2/2016)

So etwas bietet kein Touristik-Portal an: Wenn man die Musik von Alexander Stewart hört, begibt man sich glatt auf zwei Zeitreisen gleichzeitig. Zum einen in die Ära der Swing-Crooner, als das „Rat Pack“ Hollywood unsicher machte und Frank Sinatra mit Count Basie Songs aus dem Great American Songbook interpretierte. Zum anderen in die Jahrtausendwende, als sich die verschiedensten Sänger im Gefolge von Robbie Williams daran machten, mit strahlenden Bläsern und walkenden Bässen alte Entertainmentwelten wieder zum Leben zu erwecken.
So muss man unweigerlich an Paul Ankas Aufnahme „Rock Swings“ aus dem Jahr 2005 denken, wenn Stewart zum Auftakt von „I Thought About You“ Stevie Wonders 80er-Jahre-Schunkler „Part Time Lover“ mit schwerem Big-Band-Geschütz, Streicherbombast und Mambo-Feeling zur Aufführung bringt. Anders als Anka, der sich Stücke von swingfernen Bands wie Nirvana oder Soundgarden vorknöpfte, sucht Stewart aber keine Nummern mit komischer Fallhöhe aus, um sie in ein Retro-Gewand zu kleiden.
Der 29-Jährige aus Manchester wildert intonations- und phrasierungssicher lieber in der ferneren Vergangenheit. Etwa bei Etta James, deren „I Just Want To Make Love To You“ Stewart gehörig beschleunigt und in eine Liebesgeschichte zwischen Big Band und Sänger verwandelt. Oder bei Nancy Wilsons, deren getragenes „How Glad I Am“ der Brite zu einer stampfenden Proto-Rock-'n'-Roll-Nummer macht. Und auch beim Titelsong, dem ehrwürdigen und u.a. auch schon von Sinatra gesungenen „I Thought About You“ kann man Stewart nicht das Bemühen um eine gewisse Originalität absprechen. Kleine eingeschobene krumme Takte und ein lässiger, halbwegs moderner Groove rechtfertigen die erneute Aufnahme des Stücks.
Was man von anderen Liedern auf „I Thought About You“ leider nicht unbedingt behaupten kann. Die Bacharach-Kompositionen „The Look Of Love“ und „A House Is Not A Home“ werden von Stewart zu Rumba-Rhythmen und Streicherhonig so schwerblütig geschmachtet, als wäre seit 1967 nichts mehr geschehen. Und die von trauten Gitarren getragenen Eigenkompositionen klingen wie die poppigen Selbstversuche eines Michael Bublé, nur ein bisschen schlechter. Angesichts seines handwerklichen Könnens und seiner süffig-unterhaltsamen Ausdrucksfähigkeiten wünscht man Stewart da ein bisschen mehr Mut zur Eigenständigkeit.

Josef Engels, 29.10.2016



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