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Gustav Mahler, Luciano Berio

Zehn frühe Lieder, Sinfonia

Matthias Goerne, The Synergy Vocals, BBC Symphony Orchestra, Josep Pons

harmonia mundi HMC902180
(61 Min., 12/2012, 9/2015)

Obwohl Luciano Berio zu den Speerspitzen der Nachkriegsavantgarde zählte, war er kein Neue Musik-Ideologe. So hat er sich bereits in den 1950er Jahren nachschöpferisch mit existierender Musik auseinandergesetzt – wie 1956, als er bei den Donaueschinger Musiktagen (!) ein Orchesterwerk über Mozarts Papageno-Arie „Ein Mädchen oder Weibchen“ vorstellte. Später sollten Re-Kreationen bzw. Transkriptionen von Werken Boccherinis und Schuberts hinzukommen. Und 1968 verbeugte sich Berio mit einer Klangcollage erstmals vor Gustav Mahler. Die von Leonard Bernstein uraufgeführte „Sinfonia“ gilt seitdem als einer der Marksteine der musikalischen Postmoderne – angesichts der geradezu überbordenden Zitatflut, die bei Mahler und seiner 2. Sinfonie beginnt und Bögen von Bach bis Boulez und von Strauss bis Stockhausen schlägt. Gespickt mit Textpassagen von Samuel Beckett und Claude Lévi-Strauss, entstand so ein Kultstück der zeitgenössischen Musik, das angesichts seiner satt-sinnlichen Farbigkeit und raffiniert angelegten Janusköpfigkeit selbst die größten Neue Musik-Skeptiker begeistern und auf hohem Niveau unterhalten kann. Vorausgesetzt, die fünfsätzige „Sinfonia“ wird so grandios pulsierend und fluoreszierend in all ihrer Doppelbödigkeit angegangen, wie es jetzt das Vokalensemble The Synergy Vocals zusammen mit dem BBC Symphony Orchestra unter Leitung von Josep Pons geschafft hat. Zuvor kommt man aber noch in den Genuss des Mahler-Sängers Matthias Goerne. Mit dem englischen Orchester hat der Bariton zehn frühe Mahler-Lieder aufgenommen, die Berio in den 1980er Jahren orchestriert hat. Und weil Berio sich dabei auch an Mahlers Orchesterlied-Sprache orientierte, stören keinerlei neumodische Aromen diese volkstümlichen, immer wieder ungemein ergreifenden Sehnsuchtsgeschichten wie „Nicht wiedersehen!“ und „Erinnerung“. Hier, wie in dem herrlich mit geradezu Strauss´schem Pathos aufgeladenen „Scheiden und meiden“, erweist sich Goerne dank seiner fantastischen Legato-Kunst, seiner riesigen Palette an Abtönungen und Schattierungen sowie nicht zuletzt seiner Herzenswärme als Nonplusultra-Besetzung.

Guido Fischer, 03.12.2016



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