Responsive image

Breathing As One

Wolfgang Schlüter, Boris Netsvetaev

Skip/Soulfood SKP 9133
(73 Min., 5/2016)

Dieses Album ist eine herrliche Überraschung. Es beweist, dass der 83-jährige Wolfgang Schlüter auch nach seinem Augeninfarkt, der ihm nur ca. vier Prozent seiner Sehfähigkeit ließ, immer noch einer der führenden Vibrafonisten Europas ist. Legendär sind seine Einspielungen mit dem Pianisten und charismatischen Jazzredakteur des NDR, Michael Naura, der über die Zusammenarbeit mit Schlüter einmal sagte, dass sie beide in ihren besten Momenten quasi mit einer Lunge atmeten. In dem aus St. Petersburg stammenden und klassisch ausgebildeten Pianisten Boris Netsvetaev hat Schlüter einen kongenialen Duopartner. Netsvetaev reifte unter seinem ehemaligen Hochschullehrer Schlüter zum ideal zuhörenden Partner, der hier tatsächlich mit dem drei Generationen älteren Vibrafonisten auf seine eigene Art im Sinne des Albumtitels gemeinsam atmet. Das bewusst auf delikate Schönheit angelegte Programm wird weitgehend von Schlüter bestimmt; von ihm stammen sieben der elf Titel, einen trug Netsvetaev bei, und beim Rest handelt es sich um einen Bebop-Klassiker, einen Standard und eine respektvoll in Jazz überführte Franz-Lehár-Komposition. Mit perlender kristalliner Klarheit artikuliert Schlüter seinen melodischen Ideenfluss auf einem glockenklar klingenden Instrument; dabei macht er nur ganz diskret von den Möglichkeiten des tremolierenden intrumententypischen Vibratos Gebrauch. Bei aller gewollten Gefälligkeit kippt nichts ins Banale; harmonische Sophistication macht die unnachahmliche Schlütersche Legato-Phrasierung zu einem durchgängigen Hörvergnügen, das mit differenzierten Momenten großer Klöppel-Virtuosität aufwartet. Augenblicke feinsinniger Pianistik machen dieses Album vollends zu einer großartigen zeitlosen Einspielung.

Thomas Fitterling, 03.12.2016



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Haydn auf Französisch? Das klingt doch wie Wiener Schnitzel mit Weinbergschnecken. Weit gefehlt: Er komponierte für das Pariser Publikum maßgeschneiderte Sinfonien und schaffte es so, alle anderen zeitgenössischen Komponisten in dessen Gunst noch in den letzten Jahren des ancien régime quantitativ aus dem Konzertsaal zu fegen. Ohne je dort gewesen zu sein. Denn tatsächlich gönnte sich Weltbürger Joseph Haydn auf dem Weg nach London keinen Abstecher an die Seine. Aber man wird ja wohl […] mehr »


Top