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Sergei Prokofjew

Klaviersonaten Nr. 2, 6, 8

Alexander Melnikov

harmonia mundi HMC 902202
(70 Min., 6/2014, 8/2015)

Nach Aufnahmen von Skrjabin, Rachmaninow und Schostakowitsch beschäftigt sich Alexander Melnikov nun mit dem vierten großen russischen Klavierkomponisten der klassischen Moderne, mit Sergei Prokofjew. Und für den ersten Teil der geplanten Gesamteinspielung seiner Klaviersonaten hat Melnikov mit der 2. Sonate ein Werk des Studenten Prokofjew zwei Sonaten aus den frühen 1940er Jahren gegenübergestellt. Es sind die beiden sogenannten „Kriegssonaten“ Nr. 6 A-Dur und Nr. 8 B-Dur mit ihrer markanten grotesken Dämonie, grellen Bissigkeit und extremen Dauerhochspannung. Warum die zwei Sonaten weit höher beim Publikum und der Pianistenzunft im Kurs liegen als eben das Frühwerk des 21-Jährigen, erschließt sich jetzt nicht unbedingt. Im Grunde, so kann man aus Melnikovs Spiel heraushören, besitzt die Zweite nämlich bei allen Neo-Romantizismen bereits diese rohe und lavaspuckende Haltung wie die späteren „Meister“-Sonaten. Nun zählt Melnikov so gar nicht zu jenen russischen Pianisten, die sich mit Haut und Haaren bei diesen musikalischen Kraftakten verausgaben. Natürlich lässt er es an Nichts fehlen, was das konturiert Spitzbübische, die rhythmische Prägnanz und den mitreißenden Drive angeht. Doch bei Melnikov werden daraus nicht zwangsläufig musikalische Spiegelbilder von einer wie auch immer gequälten russischen Seele. Vielmehr empfindet er die Attacken und Explosionen als Teile eines weitaus reicheren Klangkaleidoskops, bei dem auch manch andere prominente russische Komponisten ihre versteckten Auftritte haben. So wird der langsame Satz der 2. Sonate von einer dunkel-gespenstischen Katakomben-Stimmung à la Mussorgski erfüllt. Und beim Eröffnungssatz der 6. Sonate deckt er in den maschinenmusikalischen Barbarismen furios, aber nicht billig effektvoll eine Verwandtschaft zu Strawinski und seinem „Le sacre“ auf. Die nächsten beiden Einzel-CDs dieser Gesamtaufnahme dürfen ruhig schon bald folgen.

Guido Fischer, 17.12.2016



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