Responsive image

Entropy

Eda Zari

Enja/Soulfood ENJ9638
(48 Min., 4/2015)

Es ist kein Zufall, dass die in Tirana geborene und in Deutschland lebende Sängerin Eda Zari auf dem Cover der CD über eine Brücke schreitet: In Zeiten, in denen der Westen unter einer diffusen Furcht vor dem Osten und dem Süden leidet, zeigt Zari mit „Entropy“, was uns mit Istanbul, Russland, Syrien und Albanien eint. Es ist die geistliche Musik der byzantisch-orthodoxen Kirche, die ein griechisches, jüdisches und syrisches Erbe in sich trägt und der Sage nach vom Gesang der Engel abstammt.
Acht geistliche Lieder, vom „Kyrie Eleison“ über Mariengesänge bis hin zu einer liturgischen Meditation über die arme Sünderin im Hause des Pharisäers aus dem Lukas-Evangelium bilden die Grundlage für Zaris ambitionierte Pilgerreise vom alten Byzanz zum weltoffenen Jazz der Gegenwart.
Arrangiert vom Pianisten Florian Weber werden die Kirchenweisen zu Songs mit großem Überraschungspotenzial, die von den archaischen Klängen eines byzantinischen Männerchors mühelos und völlig natürlich zu soulig rhythmisiertem Sprechgesang Zaris springen können („Kyrie Eleison“). Überhaupt offenbart die als klassische Opernsängerin ausgebildete Projektleiterin eine große stimmliche Bandbreite, in der für orientalische Melismen genauso viel Platz ist wie für die Haltetondrones des albanischen Gesangs oder die jazzige Polyphonie der New York Voices (wofür das Eröffnungsstück „Kurre nuk po merret vesh“ ein fabelhaftes Beispiel liefert).
Dass die Vermittlung zwischen vermeintlich weit auseinanderliegenden Kulturen und Epochen auf „Entropy“ so glückt, verdankt sich nicht zuletzt den beteiligten Musikern, die ihrerseits aufmerksame Brückenbauer sind: Altsaxofonist Hayden Chisholm etwa interagiert mit dem orthodoxen albanischen Chor „St. John the Koukouzelian“ wie Jan Garbarek mit dem Hilliard Ensemble („Zoti eshte bashke me ne“), der bei drei Stücken präsente special guest Ibrahim Maalouf mäandert mit den Vierteltönen aus seiner Trompete zwischen kammerjazziger Besinnlichkeit und nordafrikanischer Spiritualität.

Josef Engels, 14.01.2017



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top