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Landed In Brooklyn

Julian Wasserfuhr, Roman Wasserfuhr

ACT/Edel 1098292ACT
(57 Min., 8/2016)

Die Alben der Gebrüder Wasserfuhr erinnern ein wenig an eine Langzeitdokumentation: Seit 2006, als mit „Remember Chet“ das viel beachtete Debüt des damals 17-jährigen Trompeters Julian und seines Klavier spielenden, knapp drei Jahre älteren Bruders Roman erschien, kann man ihnen beim Großwerden zuhören. Mit ihrer inzwischen fünften Einspielung sind die Wasserfuhrs nun endlich dort angekommen, wo talentierte Jazzer wie sie hingehören: in New York.
„Landed In Brooklyn“ ist gerade in diesen schweren transatlantischen Zeiten ein wunderbarer Beleg dafür, dass zwischen den Vereinigten Staaten und Europa immer noch ein starkes Band der Sympathie und der Empathie besteht. Denn beide Seiten – auf der deutschen die oberbergischen Brüder, auf der amerikanischen Saxofonist Donny McCaslin, Bassist Tim Lefebvre, Schlagzeuger Nate Wood und der ausführende Produzent Al Pryor – lassen sich spontan und unvoreingenommen aufeinander ein.
Die beiden Deutschen machen klar, dass sie als akkordsensibler Begleiter (Roman) oder verschmitzter Solist (Julian) problemlos im kraftvoll swingenden Hardbop-Idiom mithalten können, das Stücke wie „Tinderly“ oder das bluesig krummtaktige „S.N.C.F.“ bestimmt – wobei durchaus die Gefahr bestehen könnte, von dem von Coltranes Geist aus der „Blue Train“-Zeit beseelten McCaslin gnadenlos an die Wand gespielt zu werden.
Umgekehrt schrecken die amerikanischen Spezialisten nicht davor zurück, gemeinsam mit ihren Bündnispartnern ein Stück von Tokio Hotel zu bearbeiten. „Durch den Monsun“ beginnt mit Regentropfen, die Roman Wasserfuhr auf Klavier und Marimba prasseln lässt, schlängelt sich durch eine Strophe, in der McCaslin mit freundlichen Saxofon-Linien die weltschmerzgeplagte Melodie von Julian Wasserfuhrs Horn kommentiert, um dann im Refrain zu einem latinswingenden Sturzbach im 15/8-Takt zu werden.
Die bis auf das Tokio-Hotel-Stück und die Sting-Verbeugung „Seven Days“ ausschließlich von den Wasserfuhr-Brüdern geschriebenen Kompositionen auf „Landed In Brooklyn“ machen deutlich, wie stark sich die beiden inzwischen von dem frühen Vorbild Chet emanzipiert haben. Die Stücke sind so leicht, fluffig und optimistisch wie Julian Wasserfuhrs Trompeten- und Flügelhorn-Ton, erinnern an Tom Harrells Quintett-Einspielungen und zeigen gleichzeitig Europa von seiner freundlichsten Seite. Ein seelenberuhigender Soundtrack für die derzeitigen unruhigen Tage.

Josef Engels, 25.02.2017



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