Das turbulente Treiben von New York, aber auch seine geheimnisvoll stillen Ecken kann man im übertragenen Sinn mit dieser Doppel-CD kennenlernen. Wenngleich von den sieben hier eingespielten Werken ausschließlich Steve Reichs Streichquartett „WTC 9/11“ direkt an New York gekoppelt ist, so haben seine sechs Kollegen zumindest einen biographischen Bezug zu dieser Stadt.
In seinen inzwischen 102 Lebensjahren ist Elliott Carter seiner Heimatstadt New York treu geblieben. Der Franzose Edgard Varèse ist hier 1965 verstorben. Und auch die Auswärtigen John Cage, David Fulmer und Sean Shepherd machten die Metropole zu ihrem künstlerischen und privaten Lebensmittelpunkt. Letzteres trifft schon lange auch auf Matthias Pintscher zu. So pendelt er ständig zwischen New York und Paris hin und her, wo er seit 2013 das Neue Musik-„Ensemble intercontemporain“ leitet. Auf musikalisch verschiedenen Wegen erkundet man also jetzt „New York“. Und mit Varèses „Intégrales“ ertönt direkt ein motorisch heftig aufgeladener, grelle Klangfarben herausschießender Klassiker der Moderne aus dem Jahr 1925. Wie ganz anders gibt sich da „Instruments I“ (1974) seines Schülers Morton Feldman, mit dem die Doppel-CD abschließt. Meilenweit von Varèses körperlicher Exzessivität entfernt, lässt Feldman einmal mehr eine Klangknospe in zartesten Farben ganz langsam erblühen. Überhaupt geht der dramaturgische Bogen vom Großorchestralen (CD Nr. 1) hin zur kleinen Besetzung, wie etwa dem Streichquartett in Reichs musikalischer Erinnerung an die Opfer des Attentats vom 11. September. Elliott Carters Klarinettenkonzert (Solist: Jérȏme Conte) bildet ein extrem gespanntes Netzwerk aus perkussiver Unruhe und schaler Kantabilität. „Within His Bending Sickle’s Compass Come“ hat David Fulmer sein faszinierend (alb-)traumhaftes Gespräch zwischen Horn (Jens McManama) und Instrumentalensemble getauft. Und „Blur“ von Sean Shepard ist eine Art schillerndes und pulsierendes Divertimento mit leichtem Hitchcock-Soundtrack-Appeal. Bei Reichs „WTC 9/11“ hält man nicht zuletzt auch aufgrund von Tonbandzuspielungen etwa eines fast trostspendenden Kaddish-Gesangs immer wieder bewegt den Atem an. Bevor John Cages „Music for Wind Instruments“ schon fast Strawinski-like daherkommt. All diese Werke spielt das Ensemble intercontemporain gemeinsam mit zahlreichen Gästen geradezu muttersprachlich. Anders ausgedrückt: Dieser musikalische New York-Trip lohnt sich von Anfang bis Ende.

Guido Fischer, 01.04.2017



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