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Maurice Ravel

Miroirs

Alexander Krichel

Alexander Krichel
(78 Min., 8/2016)

Maurice Ravel ist sicher eine der interessantesten Figuren im französischen Fin de siècle und darüber hinaus: Mit seinen Sujets – wie sie auch hinter der Musik des vorliegenden Recitals zu finden sind – bewegt er sich noch stark im Dunstkreis der Romantik. Seine Stilistik war hingegen durchaus wandelbar bzw. durch die Jahrzehnte hindurch einem Wandel unterworfen – auch das ist auf dieser CD erlebbar. Mit seinem „Tombeau de Couperin“, der formalen Anlage nach eine barocke Suite, huldigte er (ähnlich wie Debussy) der Idee einer eigenständigen französischen Tonsprache, die an die französische Barockmusik anknüpft – u. a. mit modalharmonischen Elementen wird hier gegen die enervierende Übermacht des „Wagnérisme“ angekämpft. Mit „Gaspard de la nuit“, ganz im Stil des 19. Jahrhunderts auf romantischen Gedichten basierend und geisterhafte Fabelwesen sowie schaurige Szenarien musikalisch exponierend, orientierte sich Ravel einerseits an der überwältigenden Klaviervirtuosität der großen Komponisten-Virtuosen der Romantik, exponierte andererseits aber eine vertrackt vielschichtige, avancierte Harmonik, die sich mit romantischen Parametern nicht bis ins Letzte aufschlüsseln lässt. Die „Miroirs“ dagegen, der dritte der hier vorgestellten Klavierzyklen, orientieren sich eher am musikalischen Impressionismus á la Debussy.
Eine gewaltige Aufgabe für einen jungen Pianisten wie Alexander Krichel (geboren 1989). Rein spieltechnisch sowieso, aber interpretatorisch gleich noch viel mehr: Wie nähert man sich der Musik einer so bewegten Zeit, die Spiegelbild so komplexer nationaler und internationaler geistiger Strömungen und schicksalhafter Verwicklungen – und der unter solchen Spannungen sich entfaltenden persönlichen Biografien – ist? Vermutlich wird man sich um ein Höchstmaß an Ausdrucksstärke und Differenziertheit bemühen, um die komplexen Stücke bis in den letzten Winkel ihres Aussagepotentials hinein auszuleuchten. Nun ja: Rein manuell hat Krichel wenig Probleme mit Ravels Klavierkunst. Aber im Blick auf die Vermittlungskunst möchten wir doch ein Fragezeichen setzen. Vielleicht ist es ungerecht, etwa die vorliegende Darbietung von „Gaspard de la nuit“ mit derjenigen der jungen Martha Argerich zu vergleichen. Aber andererseits: Argerich war bei ihrer Aufnahme des Zyklus (erschienen 1975) nur eine Handvoll Jahre älter als Krichel heute. Und was sie an mikro-energetischer Explosionskraft, an nervöser Detail-Versessenheit, ja an überlegener Direktheit im Zusammenspiel von Imagination und Fingerfertigkeit aus einem Stück wie „Scarbo“ (dem Finale von „Gaspard de la nuit“) herausholt, wird bei Krichel höchstens ansatzweise erfahrbar. Möglicherweise sucht er den eher klassizistischen, ebenmäßigeren Zugang auch bewusst. Aber wirklich aufregend ist die Musik für den Hörer doch erst dann, wenn sie zum Spiegel einer tiefen existenziellen Erfahrung des Interpreten wird. Von dem dafür notwendigen „Ausnahmezustand“, so scheint es dem Rezensenten, ist Alexander Krichel unbeschadet aller großartigen manuellen Fähigkeiten derzeit noch ein gutes Stück weit entfernt.

Michael Wersin, 29.04.2017



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