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The Reasons Don't Change

Henry Spencer

Whirlwind/Indigo 142262
(64 Min.)

Der 1990 geborene Trompeter Henry Spencer gilt als einer der neuen strahlenden Jungsterne der britischen Jazzszene. Als Vertreter einer neuen Generation von Improvisationsmusikern hat er die Strömungen der populären Musikgenres der vergangenen Jahrzehnte genauso verinnerlicht wie die Geschichte des Jazz, die bei ihm historisch korrekt in New Orleans beginnt. Davon künden zumindest die archaischen Growls und die bluesigen Tonbeugungen auf dem Horn, mit denen der Brite sein Debütalbum beginnen lässt.
Ein ähnliches Solostatement als Auftakt hatte schon Trompetenkollege Theo Croker bei seinem Durchbruchsalbum „AfroPhysicist“ gewählt. Auch zu Christian Scott, der anderen großen Bläserentdeckung der US-amerikanischen Szene in den letzten Jahren, lässt Spencer einige Parallelen erkennen. So zum Beispiel den besetzungstechnischen Kniff, einer akustischen Jazz-Combo mit einer Rockgitarre zusätzlichen Biss zu geben. Nick Costley-White entledigt sich dieser Rolle in Spencers Band Juncture mit Bravour – sein Ausdruckshorizont reicht vom Jimi-Hendrix-Idiom über Gegenwarts-Jazzrock-Gitarristik bis hin zu John-Abercrombie-Feinheiten. Zuweilen lässt er sein Instrument so milde schimmernd wie ein Vibrafon erklingen.
Während Scott und Croker die afroamerikanische Kultur mit Funk und HipHop als Bezugsrahmen erkennen lassen, bekennt sich Spencer zu seinen britischen Wurzeln. In seinen Kompositionen treffen Verletzlichkeit und aggressive Wucht mit so viel Noblesse aufeinander wie bei Radiohead (etwa in „On The Bridge“), erinnert manches an den Wahl-Londoner Kenny Wheeler, und selbst der Progressive Rock von King Crimson findet dank des Mellotron-Einsatzes des sonst als fingerfertiger Pianist in Erscheinung tretenden Matt Robinson sowie der großartigen schlagzeugerischen Energie David Ingamells' seinen Niederschlag.
Gegen Ende des Debüts lässt Spencer seine robuste Trompete und seine Band dann auch noch auf ein Streichquartett treffen. Das Aufbrechen in cineastische Dimensionen wäre eigentlich gar nicht nötig gewesen. So oder so kann man bei „The Reasons Don't Change“ von einem gelungenen Debüt sprechen.

Josef Engels, 27.05.2017



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