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(c) Warner Classics/W.E. Bauer

Herbert von Karajan

Der Generalissimus

Er hat den Musikbetrieb geprägt wie kein anderer. Herbert von Karajan war Berserker, Machtmensch, begnadeter Musiker und Organisator. Ein Porträt zum 25. Todestag.

Ein Mann. Ein Auftaktbefehl. Dem hundert andere Instrumentalisten bei ihrer Klangarbeit zu folgen haben. Nirgendwo manifestiert sich Macht so sichtbar wie in der eigentlich körperlosen Musik. Der symbolhafte und gleichzeitig praktische Beginn eines Konzertabends mehrt um ein weiteres Mal den Ruhm dessen, der da – um ein weiteres Podest erhöht – auf der Bühne seinen um einen Stab verlängerten Arm hebt, lässt ihn als Einzelner gegenüber der Masse namhafter werden, während die namenlose Kohorte vor ihm zum Reagieren gezwungen wird. Ein Akkord ist das Ergebnis. Unterwerfung wird Kunst – anders geht es in der Musik nicht.
Niemand hat diesen Moment so bewusst verinnerlicht, gelebt und zelebriert wie Herbert von Karajan. So elegant und dramatisch. So narzisstisch und gleichzeitig so im Dienst der Sache. So versunken und so hellwach. Mit blaugefärbter, geföhnter Locke und geschlossenen Augen. Doch nie hat ihn das anschließende Ergebnis befriedigt.
Immer war er auf der Suche nach dem Mehr, nach dem perfekten Klang, der reinen, absichtslosen, schwebenden Schönheit. Auf Erden konnte er sie nicht finden. Weder im Konzertsaal noch im zu allen Manipulationen fähigen Plattenstudio, das er nutzte und dessen Möglichkeiten er auskostete und erweiterte wie kein anderer Dirigent vor ihm. Erfüllung fand er wohl höchstens in den geliebten Bergen, mit neuestem Flitzer in der Straßenkurve, über den Wolken im eigenen Flieger und auf den Wellen mit seiner pfeilschnellen Yacht.

Karajan suchte zeitlebens den körperlos brillanten Klang – und war nie zufrieden

Waren Toscanini und Furtwängler, die beiden großen Antipoden, Produkte ihrer Zeit, oder gar Arthur Nikisch und Hans von Bülow, die anderen beiden Leitlöwen an Berlins philharmonischem Dirigentenpult? Keiner jedenfalls wurde so durch die Zeitumstände geprägt und wurde gleichzeitig durch sie so symbolhaft überhöht wie der am 5. April 1908 in Salzburg geborene Herbert von Karajan. Vor acht Jahren hat man seinen 100. Geburtstag begangen, jetzt erinnern sich (vornehmlich die Plattenfirmen) an seinen 25. Todestag.
Ein Großbürgersohn, der Vater war Chefarzt. In seinen jungen Jahren erfuhr er trotzdem Armut. Seinen Dirigentenberuf lernte er mit brennendem Ehrgeiz und flammendem Wirkungsbewusstsein von der Pike auf, in Ulm und Aachen an den sprichwörtlich kleinen, durch die Inflation zusätzlich geschwächten deutschen Dreisparten-Stadttheatern. Unter den Nazis stieg Karajan kometenhaft auf, trat gleich zweimal in die Partei ein, lief mit, weil er Karriere machen wollte, beschmutzte sich aber nicht wirklich (da waren Karl Böhm oder Herrmann Abendroth viel schlimmer).
Nach dem Krieg wurde Karajan ausgebremst und mit Berufsverbot belegt. Dann verwandelte er sich erst Recht flächendeckend und mit Atem raubender Geschwindigkeit zum musikalischen Taktgeber des Wirtschaftswunders, zum Meister der schönen, glamourösen Musikwelt, zum technischen Manipulator und Innovator, zum absolutistischen Herrscher über eine Orchesterrepublik in Berlin, zum Opernkönig in Wien und Mailand, zum Kaiser der Salzburger Festspiele. Erst als alter, kranker, verbitterter, von seinem „Orchester auf Lebenszeit“ zurückgestoßener Mann erkannte er auch die Grenzen des Menschseins. Mitten in der Arbeit, in seinem Hightech- Bauernhaus, starb Karajan am 16. Juli 1989 einen wiederum symbolhaften Tod in den Armen von Sony-Chef Norio Ohga und in Anwesenheit seiner dritten Frau Eliette – und wurde dann schnell und grausam vergessen.

Orchesterherrscher über Berlin, Opernkönig in Wien und Mailand, Festspielkaiser von Salzburg

Der Musikbetrieb, der Herbert von Karajan groß gemacht und den er geprägt hat wie kein anderer, wollte mit ihm nichts mehr zu tun haben. Die Zeit der absoluten Pultherrscher war vorbei. Nirgendwo so sehr wie bei Karajans eigenem Orchester, den Berliner Philharmonikern, die sich anstelle der Karajan-Vasallen Ozawa und Levine mit Claudio Abbado Karajans absoluten Antipoden an ihre Spitze wählten. Und das eine Dekade später mit Simon Rattle noch einmal manifestierten.
Wer Karajans weit gefasstes Repertoire überblickt, seinen wahnwitzigen Arbeitseifer, seine Rücksichtslosigkeit gegenüber sich selbst, der wird auch den Abstand zum gerne als Nachfolger im Geiste beschworenen Christian Thielemann begreifen. Ganz abgesehen davon, dass dieser einen dunklen, dräuenden Mischklang bevorzugt und sich als teutonischer Dickschädel positioniert, während Karajans Ideal die weltläufige Eleganz, der strahlende, körperlos brillante, immer schöne Klang war.
Das freilich ist es auch, was seinen Stern in den Jahren nach seinem Tod so hat verblassen lassen. Eine zweifelnde, nicht mehr nur technikgläubige Welt mochte sich nicht länger einlullen lassen, begriff Musik nicht mehr nur als Sedativum. Wobei es gerade das Verdienst der nun gebündelt neu aufgelegten Einspielungen ist, einiges wieder gerade zu rücken, Ungerechtigkeiten in der Beurteilung wieder gut zu machen.
So sehr etwa seine diversen Beethoven-Sinfoniezyklen immer glatter und glanzpolierter, dabei auch lebloser und wie in digitales Kunstharz eingegossen wirkten, so aufregend schnell und modern geriet ihm sein erster Versuch für die EMI; übertroffen noch von dem dann auch klanglich wunderbar ausbalancierten zweiten Versuch für die Grammophon in den frühen Sechzigern – der auch heute, trotz historisch informierter Aufführungspraxis, immer noch Maßstäbe setzt.

Ein Vierteljahrhundert – genügend Abstand für eine Bestandsaufnahme

Seit dem 100. Geburtstag freilich hat sich das Karajan-Bild wieder ein wenig gewandelt. Kunststück, lassen sich doch aus dem immensen klingenden Erbe sehr leicht die ewig leuchtenden Perlen herauspicken. Zum 50. Geburtstag der Berliner Philharmonie erinnerte man sich auch dankbar, dass man einzig ihm diesen wunderbaren, Maßstäbe setzenden, Schule machenden akustisch fast perfekten Scharoun-Resonanzkörper verdankt.
Was also wird von ihm bleiben? Die stilistisch abwechslungsreichen Aufnahmen der frühen EMI-Jahre mit Elisabeth Schwarzkopf und Maria Callas, die wunderbaren Opern, die „Salome“, Debussys „Pelléas et Mélisande“, die Dresdner „Meistersinger“; dazu die herrlich klingenden Decca-Jahre mit den Wiener Philharmonikern, mit ihrer seltsamen Mischung aus Ballettmusiken, Wiener Klassik und orchestralen Schaustücken; und vieles aus der Grammophon-Zeit, nicht nur die Sibelius- und Mahler-Aufnahmen, die Strawinski-Einspielungen, die berühmte Kassette mit Zweiter Wiener Schule bis hin zu den Preußischen Märschen – das ist ewiger Plattenrepertoirebestand.

Erscheint im Juni:

Herbert von Karajan: Sinfonie-Edition 1964–1987 (38 CDs)

DG/Universal

In der „Official Remastered Edition“ bei Warner Classics:

Haydn, Mozart, Schubert – Sinfonien 1970–1981 (8CDs)

Brahms, Bruckner, Sibelius, Strauss 1970–1981 (6CDs)

Chorwerke von Haydn, Beethoven und Brahms 1972–1976 (5CDs)

Berlioz, Debussy, Ravel, Tschaikowski 1970–1981 (7CDs)


Akustik-Fetisch

Vor allem die EMI und die Deutsche Grammophon, die Plattenfirmen, bei denen Herbert von Karajan seine bedeutendsten Aufnahmen eingespielt hat, legen sich zum Jubiläum ins Zeug. Die DG hat für den Juni ihre umfassende „Symphony Edition“ von 2008 noch einmal aufgelegt. Auf 38 CDs gibt es dort zum Mitnahmepreis viel Schönes, aber auch den nicht mehr so spannenden dritten Beethoven-Zyklus. Großartig ist die Klangqualität bei der „Official Remastered Edition“ in 13 Boxen und auf 101 CDs, so preist Warner Classics das EMI-Erbe aus den 1940er bis 1980er Jahren an. Das ist – selbst ohne die Opern – ein absolutes Muss, an dem der Akustikfetischist Karajan Freude gehabt hätte.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2014



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