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Anne-Sophie Mutter

Was treibt Sie an, Frau Mutter?

Im Februar wurde in London das eigens für Anne-Sophie Mutter komponierte Violinkonzert »In tempus praesens« der russischen Komponistin Sofi a Gubaidulina eingespielt. Robert Fraunholzer war bei den Aufnahmesitzungen dabei. Mit der sonst eher reservierten Geigerin sprach er über ihre Lektüre in den Flitterwochen, die Popikone Christina Aguilera und ihr Faible für »The next Uri Geller«.

RONDO: Frau Mutter, spricht Sofia Gubaidulina noch mit Ihnen?

Anne-Sophie Mutter: Ja, wir sprechen noch miteinander, obwohl ich ihr Stück schon mehrere Male in ihrer Anwesenheit gespielt habe. Als sie mir sagte, wie sehr sie mit mir zufrieden ist, war das tatsächlich ein magischer, wunderbarer, unvergesslicher Moment.

RONDO: Das Stück ist für Sie geschrieben. Merken Sie das?

Mutter: Wenn ein Komponist mit mir in Gedanken ein Stück schreibt, ist das natürlich herrlich. Aber letztendlich passt sich das Stück nicht mir an. Es geht umgekehrt darum, ob ich es schaffe, unter das Notenpapier zu schlüpfen. Ich muss erfahrbar machen, was der Komponist wollte.

RONDO: Sie können, wenn Sie sich zu einer Uraufführung entschließen, oft nicht wissen, ob Ihnen das Stück behagt. Warum gehen Sie immer wieder dieses Risiko ein?

Mutter: Das stimmt. Es gibt sogar Geschichten von Interpreten, insbesondere Dirigenten, die von den Komponisten abgesetzt wurden. Und von Komponisten, die ihr Stück noch vor der Uraufführung wieder zurückzogen. Erschwerend kommt hinzu, dass jedes Stück eigentlich ein Lebenswerk ist. Bei Frau Gubaidulina stecken Jahrzehnte der Entbehrung und im Grunde der Gefangenschaft dahinter. Entsprechend unsicher war ich, als ich nach Berlin reiste, um der Komponistin vorzuspielen – und sie zugleich erstmals persönlich kennen zu lernen. Ich war schweißgebadet und hab’ gespielt wie um mein Leben.

RONDO: Was ist Ihr Antrieb? Mutter: Eine verrückte Liebe zur Musik. Ich finde es wunderbar, wenn ich Musik mit Menschen teilen kann. Zeitgenössische Musik zu spielen, empfinde ich als besonders befreiend.

RONDO: Befreiend?

Mutter: Ja. Endlich einmal rätsele ich nicht nur zwischen den schwarzen Punkten. Ich kann fragen! Das ist ein Gefühl, das man sonst als Interpret überhaupt nicht kennt. Wäre schon ganz schön, wenn man das auch bei Mozart könnte: Mal ein Stündchen miteinander reden – oder auch Tee trinken.

RONDO: Waren Sie eigentlich ein Wunderkind? Mutter: Warum sollte ich zurückschauen? Sind doch olle Kamellen. Ist ein Wunderkind jemand, der früh gut Geige spielt? Ich habe kürzlich einen elfjährigen Mentalisten gesehen. Das war ein Wunderkind!

RONDO: Wollen Sie sagen, Sie haben im Fernsehen Uri Geller angeschaut!

Mutter: Ja! Ich muss gestehen, ich saß dienstagabends immer gebannt vorm Fernseher. Ich liebe Zauberer! Sie können mich in einen Raum mit einem Zauberer stecken, und ich werde ein anderer Mensch.

RONDO: Wobei hat Ihnen früher der Mund offen gestanden?

Mutter: Beim ersten Lesen von Jean-Paul Sartre und bei Gabriel García Márquez’ Roman »Die Liebe in den Zeiten der Cholera«. Ich war platt. Das hat mein Leben völlig auf den Kopf gestellt.

RONDO: Inwiefern?

Mutter: Die messerscharfe Analyse. Diese Freude am Sezieren eines schlechten Charakters oder auch einer maroden Gesellschaft, zum Beispiel auch in Émile Zolas »Nana«. Eines meiner Lieblingsbücher ist bis heute »Thérèse Raquin« von Zola. Als ich das erste Mal geheiratet habe, wollte ich unbedingt, dass mein leider verstorbener Mann dieses Buch auf der Hochzeitsreise mit mir liest. Also haben wir uns gegenseitig vorgelesen. Kennen Sie die Handlung? Eine verheiratete Frau bringt ihren Liebhaber dazu, den Ehemann umzubringen. Das genau richtige Buch für den Honeymoon!

»Es stört mich, wenn sich Geiger die Mühe, einen eigenen Weg zum Stück zu finden, gar nicht erst machen.«

RONDO: Wer sagt Ihnen die Wahrheit?

Mutter: Ich verlasse mich auf Freunde, die mich über Jahrzehnte begleiten. Inklusive meiner Kinder. Die haben ein ungeheuer gutes Gefühl für Musik. Ich schätze an dieser Altersgruppe, dass sie eigentlich lieber zeitgenössische Musik hört als klassische. Völlig unbefangen.

RONDO: Spielen Sie deshalb gern Neue Musik?

Mutter: Nein, das würde nicht funktionieren. Meine Kinder ändern ihren Geschmack jede Woche. Mal ist es Rock, dann ist es Pop, dann wieder Rap, Hip-Hop, was weiß ich … Ich merke übrigens: Je älter man wird, desto gefangener in der Wohlfühlwelt dessen, was man als 20-Jähriger einmal mochte.

RONDO: Haben Sie von Ihren Kindern Musik gelernt?

Mutter: Ja, eine Weile war’s Kylie Minogue. Einer meiner Lieblingssongs stammt von Christina Aguilera: »Hurt«. So wechsle ich durch meine Kinder auch ab und zu den Geschmack.

RONDO: Stimmt es, dass in der Geigenwelt eine Vereinheitlichung des Klangs festzustellen ist?

Mutter: Ja, vor allem weil die russische Schule weggefallen ist. Als David Oistrach noch unterrichtet hat, dessen Meisterschüler Gidon Kremer war, da gab es noch gleichsam eine Bastion der europäischen Geigenkultur.

RONDO: Gibt es eine Gefahr der Globalisierung, also der Verwischung der Traditionen?

Mutter: Wenn Geiger gesichtslos bleiben, können sie auch, glaube ich, großen Stücken nichts Singuläres mehr abgewinnen. Es stört mich, wenn sich Geiger die Mühe, einen eigenen Weg zum Stück zu finden, gar nicht erst machen, weil man das gute Gewissen hat: Ich spiele schnell, ich spiele sauber, und ich spiele mit großem Klang. Bloß nicht leise spielen und nur nicht ohne Vibrato – weil das hässlich klingen könnte und die Leute einen nicht hören. Das Ergebnis ist eine Katastrophe.

RONDO: Wird heute allgemein zu laut gespielt?

Mutter: Das ist unter heutigen Interpreten ein Riesenproblem – egal auf welchem Instrument. Auch bei den Sängern und vor allem bei den Orchestern. Die Orchester spielen sowieso alle zu laut. Deswegen war für mich die Erfahrung mit Seiji Ozawa und den Berliner Philharmonikern kürzlich so wunderbar und erschütternd. Interessanterweise hat nämlich die neue Generation der Berliner Philharmoniker Karajans Klangkonzept, das zur Tradition des Orchesters gehört, völlig verinnerlicht, obwohl die meisten Musiker unter Karajan nie gespielt haben. Ich war im Siebten Himmel. Karajan hat immer vor allem das Aufeinanderhören trainiert. Seine Musiker haben einfach gelernt, gemeinsam zu atmen. Also spielen sie nie zu laut.

RONDO: Sie haben mehrfach erklärt, beizeiten Ihre Karriere beenden zu wollen. Irgendwelche Neuigkeiten?

Mutter: Ich kommentiere das nicht mehr. Meine einzige Antwort darauf stammt von John Lennon: »Life happens while we are making plans.«

Neu erschienen:

Johann Sebastian Bach, Sofia Gubaidulina

Violinkonzerte

Anne-Sophie Mutter, London Symphony Orchestra, Valery Gergiev

DG/Universal


Sofia Gubaidulina: Was ich mache, ist Anti-Spaß

Zwei Mäntel, zwei Welten. Zu den Aufnahmen des Violinkonzertes von Sofia Gubaidulina erscheint Anne-Sophie Mutter in einem grünen Kunstrasen-Mantel. Sie nennt ihn »mein Wimbledon «. Es sei ihr »Lieblingsrasen«. Und sie freue sich schon »auf das nächste Mal, wenn Roger Federer wieder gewinnt.« Dagegen trägt Sofi a Gubaidulina – in großmütterlicher Grandezza – einen opulenten Blaufuchs. Das Modell gehört einer vergangenen Epoche an. Im Gespräch, in der Garderobe des Aufnahmestudios, bezieht sie auf provokativ unzeitgemäße Weise Stellung: »Was ich mache, ist Anti-Spaß.« Inmitten der durchkommerzialisierten Welt sei die Kunst in ihren Augen »die Brücke in eine andere Welt«. »Ich träume davon, dass irgendwann mal ein Junge zu mir kommt und sagt: ›Ich habe die Spaßkultur satt.‹« Da hat sie vielleicht sogar gute Chancen. Während der Aufnahme in London schleicht ein Fotograf durch die Ränge, macht Aufnahmen und gibt nachher zu, das Stück habe ihm »Tränen in die Augen getrieben«. Sofia Gubaidulina betrachtet das als Kompliment, als Erfolgszeichen ihrer musikalischen Mission. Sofi a Gubaidulina hat zwischen ihren beiden Violinkonzerten viele Jahre vergehen lassen. Sie sei eben »nicht schnell«, sagt sie. Sie komponiere anfangs am liebsten beim Spazierengehen. »Komponieren ist das Angenehmste, was ich mir vorstellen kann. Wenn es den ganzen Tag dauert, macht es am meisten Vergnügen.« Beim Violinkonzert für Anne-Sophie Mutter sei die »sophia«, die Weisheit, der spontane Auslöser gewesen. An Gidon Kremer, für den sie ihr erstes Violinkonzert schrieb, seien die »Augen, seine Hände, seine Art und Weise, die Saiten zu berühren«, entscheidend gewesen. Bei Anne-Sophie Mutter war das ganz anders, »aber auch sehr intensiv.« »Zwei verschiedene Welten«, sagt Sofia Gubaidulina. Und meint fast kokett: »Ich bin eben eine Abenteurerin. Gerade diese Art der Ungewissheit gefällt mir.«


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2008



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