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(c) Friedrichstadtpalast

Fanfare

Das Spannendste war noch die Umstellung einiger Musiknummern, die dramaturgisch wirklich mehr Sinn machten. Ansonsten durfte man bei der szenisch braven, musikalisch mauen Neuinszenierung von Mozarts „Idomeneo“ an der Wiener Staatsoper nicht an die weit stimmigere Produktion von Damiano Michieletto und René Jacobs im letzten Jahr im Theater an der Wien zurückdenken. Jetzt wuschelte da Christoph Eschenbach im Graben und produzierte nur matte, mauschelige Mozart-Momente. Und Covent Gardens inszenierender Opernchef Kasper Holten wollte sittsam Repertoire-Taugliches fabrizieren. Was für ein jeder Kreativität widersprechender Ansatz! Der zudem technisch aufwändig geriet.
Auf dem Boden liegen Landkarten aus, die sich in riesigen Deckenspiegel wiederholen. Idomeneo (der knödelnde Michael Schade) wird von den Schatten seiner Opfer getrieben. Auch Elettra (am Anschlag: Maria Bengtsson) kommt von ihrer blutigen Atriden-Brut nicht los. Was sich in Herumstehen und Händewedeln erschöpft. Am Ende stürzt das Volk eine Idomeneo-Statute und alle Herrscherautorität. Margarita Gritskova fehlen für den Idamante die Zwischentöne, und auch Chen Reiss als seine Geliebte Ilia bleibt blässlich. Staatsopern- Niveau ging früher anders.
Nach soviel Mozart-Müdigkeit wollten wir uns in Berlin in der neuen Friedrichstadtpalast- Show von Außerirdischen verzaubern lassen. Die ist über 10 Millionen Euro teurer, auch weil Thierry Mugler die Kostüme entworfen hat. So hofft man, mit der Design- Hilfe dieser Eighties-Ikone endgültig das trutschige Aroma als Mitklatschbude von Onkel Erich und seiner SED-Rentnergang vergessen zur machen.
„THE WYLD“, aufgeregt in Versalien geschrieben, meint die Welt und die Großstadtwildnis. Da haust dann also ein Mädel auf der Spitze des Fernsehturmes, auf dem ein artistischer Fahrrad-Boy seine Kurven zieht. Und ist doch bald sehr erdenschwer mit einer Pudeldressurnummer samt Berliner-Bär-Assistenten konfrontiert. Hinten singen eng verschnürte Weather-Girls-Imitate Fahrstuhl-Pop, vorne werfen die wie immer unschlagbar guten Palast- Girls die weltberühmten Beine.
Die Herren zeigen auf Absperrgittern eher blickdicht mit Hoodies bekleidet Street-Credibility. Der Stargast erscheint in der zweiten Hälfte: Nofretete herself, die als bekannteste Berlinerin im goldglitzernden Ganzkörpertrikot nach dem Abmarsch der Besucher nachts im Neuen Museum in einer Art Tanztee-Light- Variante des Berghain paradiert. Irgendwie werden die Bilder kein großes Ganzes, treten sich gegenseitig auf die wohlgeformten Füße. „THE WYLD“ wirkt auf Anhieb wie zum zweiten Mal gesehen. Die Show ist leider ein Palast- Schritt zurück. So wie Thierry Mugler eben immer Eighties bleiben wird.
Sinnliche und sinnvolle Entspannung aber erlaubte dann Georg Friedrich Händels frühes römisches Oratorium „La Resurrezione“ in der Berliner Philharmonie. Da streiten ein Engel (koloraturgewandt: Camilla Tilling) und ein mürrischer Teufel (charaktervoll: Christopher Purves) um die Auferstehung des Herren, die dann von Maria Magdalena (sopraninnig: Christian Karg) und Maria Cleofe (alterdig: Sonia Prina) arienreich am offenen Grab besungen wird. Kurz vor Weihnachten entstehen da schon Ostergefühle, auch weil Emmanuelle Haïm, mit Spezial-Instrumente- Unterstützung ihres Ensembles Le Concert d’Astrée und selbst am Cembalo sitzend, die Philharmoniker zu einem wunderbaren, zackig temperamentvollen Oratorienkonzert inspiriert, das pure Klangfreude ist – und nicht mehr nur theologisches Traktat aus ferner Barockzeit.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 6 / 2014



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