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Mariss Jansons (c) Concertgebouw Orkest

Café Imperial

„La mère coupable“, so heißt die von Darius Milhaud 1966 uraufgeführte Fortsetzung der bekannten Figaro-Geschichte: Zwanzig Jahre später ist die melancholische Gräfin längst Mutter eines Sohnes (Tenor) geworden. Deren Vater heißt: Cherubino; der auf dem Schlachtfeld der Ehre inzwischen gestorben ist. Da auch der Graf die Frucht eines Seitensprungs in den ehelichen Haushalt eingeschmuggelt hat, ist Ärger genug im Verzug, den niemand anderes als das Figaro-Paar schlichten kann und muss. Im Theater an der Wien bringt man den Schlussstein der originalen Figaro- Trilogie von Beaumarchais endlich einmal auf die Bühne. Leider ist das auch schon das Beste, was man von der Aufführung sagen kann. Angelika Kirchschlager (Suzanne) mit beunruhigter Mittellage und Mireille Delunsch (Rosine) mit verätzten Spitzen sind keine reine Freude. Französisch idiomatische Sänger sucht man zwischen Markus Butter (Almaviva), Stephan Loges (Begearss) und Aris Agiris (Figaro) vergeblich. Regisseur Herbert Föttinger operiert mit Garagentoren, Doppelgängern und Rückblenden, was schon vor zwanzig Jahren nicht mehr originell war. Inszenierungs-Fazit: Nicht schön – und trotzdem hinterm Mond. Auch beim sonst trefflichen RSO Wien unter Leo Hussain dominieren stumpfe Kanten und runde Ecken. Wir sind Milhaud noch einen Figaro schuldig.
Im Café Imperial, dem „Café coupable“ und Musiker-Salon unter den Wiener Kaffeehäusern, belebt es sich oftmals während der Sommermonate, und zwar dann, wenn vor den Fenstern draußen eine Terrasse aufgebaut wird. Nachdem man durch neue Inneneinrichtung die Stammgäste verstimmt hat, ist es drinnen immer noch recht leer. Wird vorerst kaum besser werden. Denn im Juli oder August in der Stadt zu bleiben, wäre für jeden echten Wiener ohnehin eine Schand’. Man geht aufs Land, nach Salzburg oder an die Donau. Die Opern präsentieren deshalb ihre letzten Spielzeit- Premieren („The Tempest“, „Così fan tutte“) bis spätestens Mitte Juni. Zu dieser Zeit ballt sich in den Konzertsälen noch einmal alles, was Rang und Namen hat – auf dass ihr Ruf als beste Gastspiel-Häuser der Welt (erst recht während der Wiener Festwochen) gefestigt werde. Im Musikverein gibt sich das Philadelphia Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin die Ehre (1., 2.6.), ebenso die Staatskapelle Dresden, die sich – wegen notorischer Knappheit ihres Chefs Christian Thielemann – auf Myung-Whun Chung als Gastdirigenten besinnt (4.6.). Andris Nelsons kommt letztmalig mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra (6., 7.6.). Christian Gerhaher singt Mahler (9.6.). Gidon Kremer führt seine Kremerata aus (13., 14.6.). Gegen derlei Konkurrenz kommen selbst die Wiener Philharmoniker nur an, wenn sie von Mariss Jansons dirigiert werden (20.- 23.6.) – und die Wiener Symphoniker unter Herbert Blomstedt (21., 22.6.). Im Konzerthaus gastiert Antonio Pappano mit der Römischen Santa Cecilia (31.5. und 1.6., dann sehr mutig mit Bruckners Achter, wovon ich vorerst nicht unbedingt überzeugt bin). Pierre-Laurent Aimard und das Philharmonia Orchestra unter Salonen spielen Ravels Klavierkonzert für die linke Hand (2.6.). Martin Grubinger, sofern er die von ihm gestaltete Pausenbespaßung beim Eurovision Song Context überlebt hat, führt das Schlagzeugkonzert von Kalevi Aho auf (18.6.). Kammermusik-Highlight: das Chiaroscuro Quartet und Kristian Bezuidenhout mit Mozart (20.6.). Sündiger Schlusspunkt: Karl Markovics liest aus Doderers Wutprobe „Die Merowinger“ (9.6.). Selber Schuld, wer das alles verpasst. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2015



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