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Fanfare

Warum sind eigentlich wichtige Opernuraufführungen immer am Anfang des Jahres? Wissen wir nicht. Es war aber wieder mal so weit. Und so haben wir uns nach Hamburg und München aufgemacht. Das Ergebnis: eigentlich jedes Mal Gähnen auf hohem Niveau.
Fast fünf Jahre sind Erdbeben, Tsunami und die Reaktorschmelze in Fukushima her, jetzt antwortet das Musiktheater – still, elegisch, allzu schön. An der Hamburgischen Staatsoper wurde „Stilles Meer“ von Toshio Hosokawa uraufgeführt, Japans gegenwärtig bedeutendstem Komponisten. Schnell ist man tief in Klischees: Nô-Theater, Sanftheit und Harmonie, buddhistische Nähe zur Natur, akustisches Sushi, graziös, spirituell.
Regisseur Oriza Hirata, der jetzt zudem die Handlung verfasst hat, konzentriert das Geschehen auf Claudia, die Fremde, die den Verlust von Mann und Kind nicht begreifen mag, während die Japaner sich dem Furchtbaren stellen. Dann ist da noch Stephan, Claudias Expartner. Schon zum Auftakt rührt Kent Nagano die Trommeln. Dazwischen aber singt, schwingt, wispert und säuselt es als halbtrübe Misosuppe. Es ist nicht viel Neues in dieser Musik. Aufregend sind freilich die Sänger: koloraturstark Susanne Elmark, Mihoko Fujimura ist eine moderne Erda-Figur, und Countertenor Bejun Mehta gelingt emotionales Beteiligtsein, wo oft nur vornehm-ästhetisches Konstrukt ist.
Rolando Villazón! Thomas Hampson! Kirill Petrenko! Hans Neuenfels! Arte-Übertragung! Und das alles für die glamourös aufgetakelte Uraufführung des unbekannten Tschechen Miroslav Srnka. Der bekommt die Bayerische Staatsoper für „South Pole“. Die Doppeloper in zwei Teilen vertont den Antarktiswettlauf anno 1911 zwischen dem hier Bariton singenden Roald Amundsen und dem als Tenor antretenden Robert Falcon Scott. Der Brite zog den Kürzeren, in tödlichem Sinne: Er blieb im ewigen Eis.
Miroslav Srnka bietet eine halbmeterhohe Partitur auf, ein Strauss-Orchester, Kuhglocken, Eierschneider und Schmirgelpapier, die alle enttäuschend wenig beschäftigt sind. Die Bühne ist eine weiße Kiste mit einem schwarzen Kreuz, die den Pol symbolisiert. Schön, aber aseptisch. Wie die Musik. Neuenfels wickelt übersichtlich diesen szenischen Doppelstrang aus, Tom Holloway hat einen poetischunterhaltsamen Text geschrieben. Aber trotz hold imaginierter Weiblichkeit (Tara Erraught, Mojca Erdmann), es bleibt Gefrierpunkt-Belcanto. Weil Srnka mit gewaltigem Aufwand vornehme Leerstellen komponiert. Gefühlt hat das wimmernde Akkordeon in dieser arg artifiziellen akustischen Antarktis am meisten zu tun.
Also wieder zurück zum Bewährten und nach Berlin. Am Ende dieser so raffinierten wie seltsam glatten „Die Sache Makropoulos“-Inszenierung von David Hermann an der Deutsche Oper mampfen Elina/Emilias fünf Alter Egos eben jenes Dokument mit dem Rezept für das ewige Leben und sterben zuckend auf Designerliegen. Alles kompliziert, obwohl es doch viel einfacher ginge. Es dreht sich doch einzig alles um Emilia. Das sollte man als Regisseur schnell erkennen und nicht groß aufmotzen: Links verbrannte Historienräume samt erkalteter Aschehäufchen und die entsprechenden Zombies einstiger Geschäftspartner, Liebhaber und Kinder; rechts die aktuelle Emilia, mehrfach gespiegelt.
Die gilt als klassische Primadonnenpartie. Evelyn Herlitzius im Rollendebüt ist zweifellos eine. Traumwandlerische Kindfrau, dabei von auratischer Größe. Die Stimme gleißt, schillert, wird wie stets auch schrill. Mehr Farben wären möglich, mehr Kühle, denn Emilia ist eine Fremde. Sehr gut die übrige Besetzung, nur Donald Runnicles bleibt eigenartig verwaschen, die Janáček-Partitur scheint mehr aufgeweicht denn geschärft.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 2 / 2016



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