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Der Grandseigneur des Kontrabasses (c) Fortuna Sung/roncarter.net

Pasticcio

Ron Carter zum 80.

Er spielt. Und spielt. Und spielt. Und hat – so zitiert er auf seiner Homepage die Zählung der Guinness-Statistiker – bis 2015 an exakt 2221 Schallplatten und CDs mitgewirkt. Ein Weltrekord. Dieser Mann, Ron Carter, feierte am 4. Mai seinen 80. Geburtstag. Eine Woche davor, am 28. April, erschien ein neues Album seines „Golden Striker“ Trios, das all jene Lügen straft, die behaupten, die Zeit des swingenden Jazz sei abgelaufen. Dabei hat er seine Karriere als Avantgardist begonnen, als er - nachdem er an der Eastman School of Music in Rochester 1959 seinen Bachelor und 1961 seinen Master an der Manhattan School of Music gemacht hatte – vor dem Hintergrund dieser profunden klassischen Ausbildung in der Band des Saxophonisten Eric Dolphy auf dem Album „Out There“ und auf dem unter eigenem Namen folgenden „Where?“ der Jazzgeschichte neue Impulse verlieh. „Ein Möchtegern-Schöpfer“, zitierte er im Booklet dieses Erstlings zustimmend aus einer Theaterkritik in der New York Times, „der ein Angeber oder ein unschuldiger Nichtskönner ist, kann nicht für immer hinter dem Banner einer Bewegung herlaufen. Sein Mangel an Begabung wird ihn als Hochstapler entlarven.“
Er selbst, begabt und innovationsfreudig, rannte den Modeströmungen nie hinterher. Wohl aber stand er im Zentrum der Jazz-Erneuerungen der 1960er Jahre. Im Quintett des Trompeters Miles Davis wirkte er 1965 bis 1968 an der Öffnung des Jazz für melodienreiche, zwischenraumreich ineinandergreifende Improvisationen mit, und mit dem 1969 eingespielten Album „Uptown Conversation“ vereinte er die im Free Jazz gewonnene Freiheit mit der Fähigkeit, frei improvisierend angenehm anzuhörende Strukturen zu schaffen, die bei aller formalen Offenheit ein Gefühl von Harmonie und Geborgenheit vermittelten. Der Livemitschnitt „Piccolo“ wurde 1977 zu einem Meilenstein der Emanzipation des Basses vom Begleit- zum vollwertigen Soloinstrument, indem Carter seinen Bass-Kollegen Buster Williams mit dem Pianisten Kenny Barron und dem Schlagzeuger Ben Riley als Rhythmusgruppe einsetzte und selbst auf dem Piccolo-Bass in die Solistenrolle schlüpfte.
Als Sideman wiederum war er sich nie zu schade, die jeweiligen Bandleader und Solisten aus dem Untergrund zu unterstützen – gleichgültig, ob sie zu den Weltstars zählten oder am Anfang einer Karriere standen. Sein Instrument, hat er sich zur Devise gemacht, helfe den anderen Bandmitgliedern, ihre Soli optimal auf den Punkt zu bringen. Er öffnet Räume, gliedert, setzt Akzente, verleiht einer Band im wahrsten Sinne des Wortes Tiefe. Aufmerksam den Partnern zuhörend, in ihre Musik schlüpfend, steht er bei Konzerten mit stoischer Ruhe im dunklen Anzug neben seinem Instrument, die Augen meist ganz oder halb geschlossen, und die straffe Haltung erzählt von Disziplin, Selbstbewusstsein, Konzentration und Hingabe. Ist das altmodisch? Oder avantgardistisch? Oder zeitlos? Bei seiner Musikalität stellt sich diese Frage nicht. Ron Carter hat Klasse. Darauf kommt es an. Hoffentlich lebt und spielt der Grandseigneur des Kontrabasses noch lange!

Werner Stiefele



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