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Notenpunkt für Knotenpunkt (c)Stadtwerke Schweinfurt

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Klassik gegen Krawall

Beethoven macht aus jedem einen besseren Menschen. Dieser Satz ist natürlich völliger Quatsch. Trotzdem glauben immer noch viele an die ethisch-moralischen Kräfte in der Musik gerade des Bonners. Dabei gibt es genügend Beispiele, wie perfekt Beethoven und Gewalt harmonieren können. So notierte etwa während des 2. Weltkriegs ein Sturzkampflieger nach seinem Einsatz: „Nach einem Stuka-Angriff hörte ich abends im Rundfunk zufällig die Eroica. Da spürte ich ganz deutlich, dass diese Musik die Bestätigung unseres Kampfes ist, eine Huldigung unseres Tuns.“ Ähnlich sollte es später auch Anthony Burgess‘ Hauptfigur in seinem von Stanley Kubrick verfilmten Zukunftsroman „A Clockwork Orange“ sehen. Der hemmungslose Rohling Alex läuft nämlich erst zu den Klängen von Beethovens 9. Sinfonie so richtig zur Hochform auf.
Dass es aber sogar Klassik-Interpreten jedweder Profession mit jedem dahergelaufenen Kriminellen aufnehmen können, konnte man in letzter Zeit immer wieder lesen. So wurde im amerikanischen Oregon im Zuge einer Geschwindigkeitskontrolle bei einem Cellisten mehr als 50 Kilogramm Marihuana im Kofferraum gefunden. Von Montserrat Caballé weiß man, dass sie es mit ihren Steuern nicht so genau genommen hat. Und 2015 kam heraus, dass ein Mitglied des Bonner Beethoven Orchesters seine Gattin kaltblütig ermordet hat. Die Verbrechen und Verfehlungen, spätestens seit dem italienischen Serienkiller und Madrigalkomponist Gesualdo vor fünf Jahrhunderten belegt, zeigen also schwarz und weiß: Klassik-Musiker sind keine Unschuldslämmer.
Dennoch ist man auch in deutschen Amtsstuben der Meinung, dass sich mit klassischer Musik das öffentliche Miteinander friedlicher, respektvoller gestalten lässt. Und dabei hat man speziell soziale Brennpunkte im Visier. In München begann man schon 2008 mit der klassischen Dauerberieselung ausgewählter U-Bahnstationen, um so die Bereitschaft zu Gewalt und Vandalismus einzulullen. Und 2014 wählte man in Hannover eine ähnliche Taktik. Weil sich ein zentral gelegener Platz zu einer Party-Meile mit entsprechender Vermüllung gemausert hatte, beschallte man das Terrain zwar zur Abschreckung mit klassischen Musikstücken. Erstaunlicherweise zog diese Maßnahme aber gerade viele feierlustige Klassikliebhaber an! Und nun kommt aus Schweinfurt die Meldung, dass man dort ebenfalls mit einem solchen „Resozialisierungsprogramm“ gescheitert ist. Fast ein Jahr hatte man den dortigen Busbahnhof am Roßmarkt mit klassischer Musik beschallt, um so das Aggressionspotential und die Zahl von Körperverletzungen und Beleidigungen senken. Ziel war es auch, störende Leute vom Busbahnhof fernzuhalten und gleichzeitig das Sicherheitsgefühl der wartenden Fahrgäste zu erhöhen. Besonderen Erfolg scheint aber auch diese Initiative nicht gehabt zu haben. Ohne den Schritt mit handfesten Zahlen bzw. Statisten zu begründen, wurde nun Bach, Mozart & Co. der Lautsprechersaft einfach wieder abgedreht.

Reinhard Lemelle



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