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(c) Marco Borggreve

Simone Rubino

Singendes Holz

Er ist 24 Jahre alt, aber weiß genau, was er will. Jetzt stellt sich der Schlagzeuger Simone Rubino auch auf CD vor, pur bis kammermusikalisch.

Er macht viel Lärm. Auf der Bühne. Mit allem, was er kriegen kann. Aber Simone Rubino ist kein Krawallbruder. Sein Krach ist total fokussiert, manchmal auch ganz leise. Simone Rubino – schon sein italienischer Name ist Musik – spielt auf einer Armada von Instrumenten, für die er längst einen eigenen Assistenten, Techniker und Aufbauer hat. Denn Simone Rubino ist Schlagzeuger. Und mit eben mal 24 Jahren schon einer der besten auf einem Markt, der beste Aussichten hat. Denn wie sagt es dieser junge, offene Mann, der so freundlich spricht, doch sich dabei wie der ziemlich abgeklärte Profi anhört, der er offenbar schon ist: „Schlagzeug ist die Zukunft der klassischen Musik.“ Das könnte stimmen. Zunächst aber war es sicher nicht nur Freude in dieser musikalischen Familie aus Turin – die Mutter spielt professionell Klarinette –, als dieses Kind einfach nicht zu stoppen war. Simone Rubino wollte immer „spielen“ – mit allem, was er fand. In der Küche entfesselte er mit Töpfen, Pfannen, Salatschüsseln, Gläsern, Holzlöffeln, Gabeln und Schneebesen ein rhythmisches Feuerwerk; ein Mini- Drum Set kam bald hinzu. Die Mutter, die um ihre Küche fürchtete, versuchte Simone ebenfalls zur Klarinette zu überreden. „Viel zu langweilig!“ Nach zwei Wochen gab er die wieder auf; er spürte, dass das nicht genug für ihn war. Das Schlagwerk mit seinen vielen Instrumenten war für ihn im Vergleich dazu wie ein großes Orchester, das alle musikalischen Möglichkeiten bot – Rhythmus, Klang und Melodie.
Und so wurde er immer lauter, gleichzeitig wurde das Kind aber auch mit dem Klavier gebändigt. Und zum Singen verführt. Als Knabe sang er im Opernchor, Soloauftritte, etwa als „Zauberflöten“- Knabe in Turin und an der Mailänder Scala kamen hinzu. Als der Heranwachsende aber im Teatro Reggio bereits als Schlagzeuger aushilft, merkt er, dass er sich entscheiden muss: „Einmal, in ‚Madama Butterfly‘, wollte ich mitsingen, durfte aber nur die Triangel spielen. Da wurde mir klar, entweder will ich singen oder Schlagzeugsolist werden. Die Entscheidung war dann gar nicht schwer. Ich denke bei Phrasen oder Linien immer noch vokal, singe es gern. Musik ist für mich Tanz und Gesang, daraus lässt sich viel über mich am Schlagzeug ableiten.“

Konzert für Tisch und Trinkglas

Der 1993 geborene Italiener, der bereits 2014 fulminant den ARD-Musikwettbewerb gewonnen hat, läutet nach Peter Sadlo und Martin Grubinger eine neue Ära von Schlagzeugern ein, die sich mittlerweile als mehr denn nur bunte, laute Vögel im klassischen Konzertbetrieb etabliert haben. Er spielte bereits Konzerte mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem hr-Sinfonieorchester, dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und dem RAI Sinfonieorchester Turin. 2016 gab er sein USADebüt und im Rahmen des Lucerne Festivals ereignete sich sein Debüt mit den Wiener Philharmonikern, an dessen Anschluss ihm offiziell der mit 75.000 Franken dotierte Credit Suisse Young Artist Award verliehen wurde. Auch in der New Yorker Carnegie Hall ist er sogar schon aufgetreten.
Weitere Höhepunkte in Rubinos noch junger Karriere waren Konzerte mit den Münchner Philharmonikern und dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom sowie die Uraufführung des Schlagzeugkonzerts von Adriano Gaglianello. Simone Rubino ist Preisträger zahlreicher Wettbewerbe und bereits ein gern gesehener Gast renommierter Festivals; dazu zählen das Rheingau Musik Festival, die Schwetzinger Festspiele, der Musicus Olympus in Russland, das Musikfest Bremen und das Young Euro Classic Festival.
Neben seinen Auftritten als Solist liegt ihm die Kammermusik besonders am Herzen, was seine Konzerte mit dem von ihm gegründeten „Esegesi Percussion Quartett“ bezeugen. „Ich suche bis heute permanent nach Klängen, bin schon fasziniert von einem Glas oder einem Tisch“, erzählt Rubino. „Alles klingt, ich experimentiere pausenlos. Und ich mische gern alte und neue Musik. Das ist wie eine lange Treppe, jede Stufe ist eine Entwicklung der Musik, man kann sie nur besteigen und absolvieren, wenn man jede einzelne Stufe nimmt. Natürlich bin ich auch ein Außenseiter, nie integriert in ein Orchester, bin ein Exot. Aber mit einem sehr eigenen, sich gerade erst findenden Repertoire. Im Orchester sind wir eine Farbe, das fängt sehr stark bei Debussy und Ravel an, aber mir war das zu wenig, meine Musikvorstellung war stärker, und die wollte ich mitteilen.“
Fragt man Simone Rubino nach einer prägenden Figur in seinem jungen Künstlerleben, fällt sofort ein Name: Peter Sadlo. Als der im Juli 2016 tragisch früh verstorbene Ex-Pauker der Münchner Philharmoniker, der unter Sergiu Celibidache bereits in eine vielbeachtete Solokarriere startete, einmal mit dem RAI Orchester spielte, wurde ihm der junge Simone vorgestellt. Der gefiel ihm, also gab er ihm wertvolle Tipps und trat ein Jahr später bereits mit dem Nachwuchsklöppler im Duett auf. „Ich studierte zwar zunächst in meiner Heimatstadt am Konservatorium Giuseppe Verdi, aber es war eigentlich klar, dass ich nach München zu Peter Sadlo wechseln würde“, resümiert Rubino seinen weiteren Ausbildungsweg. „Sadlo hat mir die Balance gezeigt zwischen Spielen und Üben. Das Üben ist unser Benzin, das muss man behalten. Ich war mit der Ausbildung fertig, bevor er gestorben ist, er hat für mich viele Weichen gestellt, mir den Weg zu meiner Identität gezeigt.“

Latin Dance auf dem Klangstab

Ein Credo hat er natürlich ganz altklug auch schon: „Ich bin ein 360-Grad-Musiker. Wenn man ein Ziel hat, kann man es schaffen. Wenn ich etwas will, dann mache ich es mit tausend Prozent!“ Dann sagt er: „Ich fühle mich besser mit sehr vielen Leuten, kleine Säle mag ich gar nicht so. Wie sagt man in Deutschland? Ich bin wohl eine Rampensau!“ Das Schlagzeug ist der Leitfaden, der ihn immer inspiriert und ihm viele Möglichkeiten gibt, zu kommunizieren.
Damals kamen nach dem kindlichen Drum Set gleich als nächstes Marimba- und Vibraphon dazu, „das hat mich sehr angemacht“. Und die Marimba ist nun auch dominant auf seiner ersten Solo-CD. Live ist Schlagzeug natürlich ganz anders als auf einem Album, es erschließt sich auch visuell. „Ich wollte auf meinem ersten Album durchaus zurückhaltend sein, man muss also nicht gleich die Lautsprecher zurückdrehen. Ich habe deshalb die dritte Suite für Cello solo von Bach eigens für Marimbafon bearbeitet, die bildet den Rahmen, zwischen den Stücke mit Latino- oder Jazz-Anklängen verwoben sind. Schlagzeug ist eben nicht nur Rhythmus und Energie, sondern auch Melodie und Poesie. Und die Marimba klingt warm, ist aus Holz und dem Cello mit denselben Oktaven und Registern sehr ähnlich.“
Und was will er als nächstes? „So ganz direkt: große Orchester, da bin ich gierig, die Berliner Philharmoniker unbedingt, die müssen sich aber auch auf mich einlassen, auf mein Repertoire, da suche ich gerade Stücke und Uraufführungen, darin möchte ich auch Gesang und Tanz integrieren.“

Erscheint am 8.9.:

Johann Sebastian Bach, Iannis Xenakis, John Cage u.a.

Immortal Bach

Simone Rubino

Genuin/Note 1


Karriere im Aufbau

45 Konzerte gibt Simone Rubino bereits im Jahr. Mehr als 70 werden es kaum werden, denn er braucht vier Tage für Anreise, Aufbau, Konzert, Abbau und Abreise, und auf Tour kann er nicht üben. In Deutschland spielt Simone Rubino demnächst in München, Nürnberg, Passau, Wiesbaden, Darmstadt, Dortmund und Frankfurt. Im Januar geht er mit Katia und Marielle Labèque auf Europatournee, dann stehen noch Solorezitals in Ludwigshafen und München an. Mit Zubin Mehta und dem Maggio Musicale Orchester wird er zudem das Konzert von Peter Eötvös aufführen.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2017



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