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Traditionsbewusster Neuerer: Klaus Huber (†) - (c) Harald Rehling/klaushuber.com

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Mahner und Brückenbauer

Diese Courage muss man erst einmal besitzen: 1958 – in der Hochphase der Nachkriegsavantgarde – komponierte Klaus Huber doch tatsächlich eine „Terzen-Studie“, die sich am Violinkonzert von Johannes Brahms anlehnte. Für seine Generationsgenossen wie Luigi Nono, Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen war das natürlich der pure Verrat am Klang-Fortschritt, an der Utopie, an einer neuen Welt, mit der man sich aus dem Schatten des Alten zu befreien versuchte. Aber schon damals besaß Huber seinen ganz eigenen Kopf. Musikideologische Gesetzestafeln und Grenzen, wie sie auf den Neue Musik-Festivals herumgereicht und gepredigt wurden, fanden darin keinen Platz. Stattdessen bekannte sich Huber ganz offen zu den musikalischen Spuren der Vergangenheit. Ohne aber dabei zu einem gefälligen, zahnlosen Wortführer einer Retro-Bewegung zu werden, wie sie bald auch die musikalische Postmoderne auszeichnen sollte. Denn auch wenn sich der gebürtige Berner von alten und uralten Heroen der Musikgeschichte, mit Ockeghem, Gesualdo oder Mozart inspirieren ließ, nutzte er, wie er es einmal so schön formuliert hatte, ihren „Rückenwind“, um so „Zukunft zu gestalten“. Und Zukunft bedeutete für Huber in diesem Zusammenhang nicht etwa das Schaffen von Musik als Selbstzweck, als ein autonomes Kunstwerk. Er gehörte zu den wenigen großen zeitgenössischen Komponisten, die der Musik auch eine gesellschaftspolitische Kraft zusprachen.
Denn ähnlich wie etwa sein großes Vorbild Luigi Nono hatte sich Huber das Komponieren gegen Unrecht, Krieg und Ausbeutung auf die Fahnen geschrieben. Doch Hubers Engagement spiegelte sich eben nicht in klanglicher Parolenhaftigkeit wider. Werke wie das 1982 vollendete Oratorium „Erniedrigt – Geknechtet – Verlassen – Verachtet“ besitzt dank auch extremster Spannungskurven im Dynamischen dieses Widerständische, das viele seiner Stücke auszeichnet. Und selbst in den „Cantiones de Circulo Gyrante“ für Soli, Chor und Instrumentalisten schuf Huber auch anhand ausgewählter Texte von Hildegard von Bingen und Heinrich Böll ein wild loderndes Statement gegen Zerstörung und Vernichtung.
Für solche Bekenntnismusiken wie auch für seine Beschäftigung mit außereuropäischer Musik wurde Huber im Laufe seines langen, ertragreichen Lebens mit wichtigen Preisen ausgezeichnet, so zuletzt 2009 mit dem „Ernst von Siemens Musikpreis“. Aber auch als Musikprofessor wurde der einstige Schüler von Boris Blacher ab 1973 zu einer Instanz, die in Freiburg Komponistengenerationen prägte. So gehörten zu seinen Schülern solche Antipoden wie Brian Ferneyhough, Wolfgang Rihm, Toshio Hosokawa und Younghi Pagh-Paan. Nun ist Klaus Huber im Alter von 92 Jahren in seiner zweiten Wahlheimat Italien, in Perugia gestorben.

Guido Fischer



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