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Klavierklassiker

Kulturanschlag auf die Anschlagskultur

Könnte man den klavierhistorischen Frühling besser beginnen als mit dem 80-jährigen Artur Rubinstein, der in einem überwältigenden Mitschnitt des zweiten Brahms-Konzertes das Orchester vom ersten goldenen Ton an jugendlich vor sich hertreibt in jener nachdrücklichen Unrast eines Alten, der weiß, dass er kaum Zeit hat, die Süße und Fülle dieses Stücks ganz auszukosten? Ein großer Auftakt für das neue Label ICA, das mit weiteren hörenswerten Ausgrabungen kommt, etwa einem frühen Studio-Recital (1955), das György Cziffra in jener typischen wundersamen Personalunion von Scarlatti-Ziselierer und Donnergott präsentiert. (ICA/Naxos ICAC 5003 & 5008)
Mit Robert Casadesus’ spätester Live-Version (1960) des Brahmsschen B-Dur-Konzertes taucht man in eine Welt ab, deren Klangideal ausgestorben ist. Klar und perkussiv, mit weniger Pedal und mehr Wagemut kann man das Stück kaum spielen – es klingt, als würde es Glas vom Himmel regnen. Viel kontrollierter noch perlt Monique Haas die Kadenz des Ravelschen Konzerts für die linke Hand (1960). So glänzte die französische Schule noch einmal, bevor sie dann verschwand. (Tahra/Klassik Center TAH 710 – 2 CDs)
Eine Ferenc Fricsay gewidmete Bartók-Anthologie enthält viel Kostbares, über das Kollegen hoffentlich noch andernorts etwas sagen. Für den Klaviersammler lohnt die Box allein schon wegen eines überraschend kernig zulangenden Louis Kentner im dritten Konzert (live). In einer seltsamen Umdeutung kommt das Abschiedswerk – man kennt es eigentlich nur ätherisch- weltflüchtig – als spätromantisches, etwas widerborstiges Kraftstück daher. Géza Andas früheste Aufnahme des zweiten Konzerts rauscht daneben kontrolliert und klangschön vorüber; mir ist das bei aller Verehrung wie immer ein wenig zu geschmeidig. (Audite/ Edel 1021407ADT – 3 CDs)
Ein eruptiver Live-Mitschnitt des vernachlässigten zweiten Tschaikowsky-Konzertes mit Emil Gilels (1959), lange nur in einer obskuren Pressung erhältlich, fegt die spätere, die Längen des Stückes unglücklicher ausstellende Version mit Maazel geradezu hinweg; hier sind die unendlichen Akkordkaskaden von einer orgiastischen Wildheit, die das Stück fast zertrümmern und paradoxerweise zugleich retten – als breche aus einer Bonbonnière ein Prokofieff avant la lettre hervor. (Idis/Klassik Center IDIS 6606)
Und noch eine Eruption (die müssen früher häufiger gewesen sein): Dimitri Mitropoulos und Rudolf Serkin spielen sich in Strauss’ »Burleske« (1958) vom fiebrig missglückenden Beginn an in ein so überhitztes Drängen, dass einem fast selbst die Wangen glühen. Da hat man einmal mehr diesen mitreißenden, ausgestorben Wagemut, der sich nicht um die Nachwelt schert. (Guild/Musikwelt GHCD 2367) Wieder einmal mag man es kaum glauben. Aufnahmen, die bislang verstreut oder ganz verschollen waren, bekommt man fast geschenkt: Auf 12 CDs ist Claudio Arraus EMI-Periode eingefangen, vielleicht die Mittagsstunde seiner Kunst, bevor die Schatten der Skrupel länger wurden. Die Brahms- und die Beethoven- Konzerte sind diskographische Gipfel (vor allem das vierte!), doch eigentliche Rarität ist der Torso einer Gesamteinspielung der Beethoven-Sonaten, die Arrau nach zehn Sonaten abbrach. Sie wirkt nicht bloß klangtechnisch weniger beengt, sie ist wohl auch noch weniger von der monumentalisierten Gewissenhaftigkeit und dem Ewigkeitsanspruch der späteren Serie belastet. Viel natürlicher etwa dämmert der Kopfsatz der »Waldstein-Sonate« herauf – sieben Jahre später gerät das dürrer, verspannter. Allein für den »Carnaval « von 1939 sollte man die Sammlung erwerben. Arraus Lebensspannung – jener fast körperlich spürbare Widerstreit zwischen Maßhalten und hypnotischem Rausch – wird hier zum großen Theater. (EMI 9184322 – 12 CDs)

Matthias Kornemann, RONDO Ausgabe 3 / 2011



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