Startseite · Künstler · Gefragt

Colin Vallon Trio

Paneuropäisches Fernweh

Und schon wieder frischer Wind aus der Schweiz: Nach Nik Bärtsch und Stefan Rusconi schickt sich mit Colin Vallon der nächste eidgenössische Pianist an, den europäischen Jazz mit unorthodoxen Mitteln zu bereichern.

Dass es so etwas noch gibt: Colin Vallon ist Europäer, um genau zu sein Schweizer, er wurde 1980 geboren, ist Jazz-Pianist – und mag Esbjörn Svensson nicht sonderlich. Beziehungsweise: Er kennt den verstorbenen schwedischen Superstar, der wie kein anderer mit seinem Trio E.S.T. den zeitgenössischen Jazz geprägt hat, kaum. »Ich besitze keine Platte von ihm«, sagt Vallon, »es war bestimmt eine super Band, er war ein super Pianist – aber die Musik hat mich nie wirklich gepackt. Von daher war es kein Problem, sich davon nicht beeinflussen zu lassen.«
Das ist nur einer der Gründe, weshalb Colin Vallons Trio so ganz anders klingt als die Myriaden von Piano-, Bass- und Schlagzeug-Dreiergespannen, die sich derzeit auf dem Jazzmarkt tummeln. Fakt ist: Vallon und seine Mitstreiter – der Bassist Patrice Moret und der Schlagzeuger Samuel Rohrer – zeigen auf ihrem Debüt »Rruga« einen originellen paneuropäischen Ansatz. Der manifestiert sich nicht nur in Stücktiteln wie »Eyjafjallajökull« oder »Iskar«, die dem berühmten isländischen Problem- Vulkan oder dem längsten bulgarischen Fluss gewidmet sind, sondern auch auf struktureller Ebene. Die von Vallon geschriebene Titelnummer beispielsweise basiert auf dem Trommelrhythmus eines türkischen Musikstücks, bei dem gemeinschaftlich verfassten Stück »Iskar« ließ sich das Trio von einem Lied des bulgarischen Komponisten und Arrangeurs Stefan Mutafchiev inspirieren.
Mit Mut zum Klangexperiment, großer Ruhe und gleichzeitig inwendig brodelnder Intensität baut sich das Trio aus vorgefundenen Elementen seine eigene Musik zusammen. Dass die Musik seines Trios so viele offene und versteckte Referenzen an den Balkan, den Bosporus und Skandinavien aufweist, könnte mit dem Schweizer Fernweh zu tun haben, räumt Vallon ein. Ihm als französischen Schweizer, der gewissermaßen als Exot in der deutschsprachigen Schweiz, in Bern, lebt, fällt das besonders auf. »Es gibt immer noch wenig Austausch zwischen diesen Sprachregionen in der Schweiz. Deshalb erscheinen uns Länder und Regionen mit einer starken einheitlichen Kultur so faszinierend.«
Der junge Schweizer sagt von sich, dass er weit mehr von Sängern als von Pianisten beeinflusst worden sei. Chöre wie Ladysmith Black Mambazo aus Südafrika oder Le Mystère des Voix Bulgares, Gesualdos Vokalpolyphonie, Björk und Billie Holiday gibt er als Hauptinspirationsquellen an. Warum? »Als Pianist bist du weit weg von dem Klang, den du erzeugst. Bei anderen Instrumenten hast du einen viel unmittelbareren Kontakt, das Saxophon hast du am Mund, die Geige fest an dich gedrückt. Und die Stimme ist das direkteste Instrument. Deshalb singen auch so viele Pianisten, um sich dem Instrument näher zu fühlen.«
Auch Vallons Mitstreiter scheinen dem Ideal einer herzinnigen, unverstellten Musik verpflichtet. Solistische Muskelspielereien gibt es keine, sondern ein Höchstmaß an sensibler Interaktion. Die Angeberei im Jazz störe ihn, erklärt Vallon. »Für mich ist Jazz eher ein Geisteszustand. Du bist frei, dir zu nehmen, was du willst – du hast auch die Freiheit, simpel zu spielen. Aber diese Möglichkeit wird viel zu wenig genutzt.«

Rruga

Colin Vallon Trio

ECM/Universal

Josef Engels, RONDO Ausgabe 1 / 2011



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Aufs digitale Abstellgleis

Von Zeit zu Zeit zieht man auch in den Chefetagen der angeschlossenen ARD-Radiostationen einen […]
zum Artikel »

Gefragt

Daniel Hope

Goldener Käfig Kalifornien

Wie überlebt man als Musiker, wenn man überlebt hat? Daniel Hope hat sich auf Spurensuche in die […]
zum Artikel »




Top