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(c) Senta Berger

Senta Berger

Musik, der Liebe Nahrung

Kein Dichter hat die Musiker mehr beflügelt als William Shakespeare. Nicht zuletzt, weil Musik die Sprache seiner Dramen durchzieht wie ein Goldfaden.

Lange wurde die Person, deren Geburtstag in Stratford-upon-Avon sich 2014 zum 450. Mal jährt, und deren eigenhändige Spur auf Manuskripten, Verträgen und Taufregistern man unter dem Namen „William Shakespeare“ zusammenfasst, kritisch beäugt. Kaum zu glauben, dass der Kosmos seiner 38 Dramen – Komödien, Tragödien, Romanzen –, die das Theater so radikal verändert und geprägt hatten, einem Mann aus einfachsten Verhältnissen zuzuschreiben waren. Woher hatte dieser gewiefte Impresario, Schauspieler und Autor, der sich im London des späten 16. Jahrhunderts erfolgreich neben John Burbage und Edward Alleyn in der hart umkämpften Theaterlandschaft behauptete, seine enorme Kenntnis antiker Mythen und historischer Stoffe? Fakt ist, dass keinem seiner Zeitgenossen diese Wirkung auf die Nachwelt beschieden war – weder im Theater, noch in der Musik. Woher das kommt? „In Shakespeares Dramen besitzt das dichterische Wort selbst musikalische Dimensionen“, schwärmt der Shakespeare-Forscher Hans Walter Gabler in seinem Artikel über „Shakespeare und die Musik“. Will sagen: Auch wenn keine der ursprünglich von den Schauspielern vorgetragenen Melodien seiner zahlreichen in die Stücke eingestreuten Liedverse erhalten sind. Da diese meist – als kurzes Innehalten der Handlung – die Gefühle der handelnden Person wie Liebe im Wort verdichten, hat sich ihnen Musik selbst als poetisches Moment eingeschrieben. Schon die Zeitgenossen nahmen dies als Anregung auf. Noch zahlreicher ist der Nachhall in der Musik der Romantiker. Sie ließen sich eher von den Grundstimmungen der Dramen inspirieren und zeichneten sie – mal feenfein, mal leidenschaftlich wild und düster – in sinfonischen Dichtungen oder Ouvertüren nach. Und doch ist es mit Senta Berger eine Schauspielerin, die den runden Shakespeare-Geburtstag zum Anlass nimmt, den Verbindungen von Wort und Musik in zwei Programmen nachzugehen. Ein barockes mit der Lautten Compagney Berlin mit Musik der Zeitgenossen, während ein romantisches mit den Nürnberger Symphonikern Ouvertüren und Orchesterwerke von Berlioz, Tschaikowski, Dvořák und Walton versammelt. Berger, die als eine der wenigen deutschsprachigen Schauspielerinnen den Sprung nach Hollywood geschafft hat und an der Seite von Charlton Heston, Kirk Douglas, Yul Brunner und Alain Delon drehte, ist bereits seit einigen Jahren in der ZDF-Krimi-Reihe „Unter Verdacht“ zu erleben. Für die Rolle der gleichermaßen hypersensiblen wie kämpferischen Kommissarin der internen Ermittlung wurde sie 2003 mit dem Grimme-Preis geadelt. Der vom Kino abgeschaute Titel „Shakespeare In Love“ bringt es hingegen auf den Punkt: Liebe in allen Auswirkungen ist das Thema der 154 Sonette, aus denen sie im Konzert vorträgt. „Die Themen der Sonette sind archaische Themen, die unwandelbar uns auch heute noch berühren“, erzählt Berger. „Natürlich muss man sich auf die Sprache einlassen. Meine Aufgabe ist genau das: den Zuhörern die Texte der Sonette zu erschließen.“ Die meisten der Sonette verherrlichen einen jungen Mann, bis am Ende der Sammlung eine geheimnisvolle Frau ins Spiel kommt, die dark lady. „Sonette wurden in der Zeit Shakespeares verschickt, wie man heute Blumen der Angebeteten sendet. Ein junger, schöner, blonder Mann? Auch das ist möglich – und warum nicht?“ Spielt das in der Rezitation eine Rolle? Senta Berger muss nicht lange überlegen. „Ich nehme eine bestimmte Haltung zu den Texten ein. Und das muss man auch, wenn man sie vortragen will. Ich glaube an die ‚dark lady‘ und ich will daran glauben.“ Der Musik des Abends kann sie sich als Rezitatorin natürlich auch nicht entziehen. „Auf der Bühne zu sitzen, das Schnauben der Kontrabässe zu hören, zu spüren, wie der Bühnenboden unter mir vibriert – das ist so aufregend! Ich muss mich zusammenreißen, wenn dann wieder die Reihe an mir ist und ich mit nichts als meinem Sprachinstrument ausgestattet vor das Publikum trete.“

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 6 / 2013



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