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Das Henze-Projekt RUHR.2010

Opernschlager Gisela

So viel Henze wie derzeit an der Ruhr war nie. Höhepunkt ist die Uraufführung des Singspiels »gisela! oder: die merk- und denkwürdigen wege des glücks«. Matthias Siehler besuchte den 84-jährigen Komponisten in seinem Wohnsitz »La Leprara« nahe Rom und hat über das Werk schon mehr erfahren.

La Leprara, der auf den ersten Blick so mondäne, wie dann doch bunderepublikanisch solide Wohnsitz von Hans Werner Henze, nahe Rom. In der hintersinnig pompös inszenierten, doch behaglichen Wohnhalle mit den zwei Flügeln steht ein schlanker Schreibtisch wie ein Altar. Darauf ein Brief vom Chef des Leipziger Thomanerchors. Die ostentativ dem Besucher präsentierte Epistel verweist auf die Zukunft, auf das schier unglaubliche Voranschreiten einer stolzen, kreativen Kraft. 84 Jahre zählt Henze, und immer noch entsteht Musik in einem hinfällig gewordenen Körper. Von einem Kompositionsauftrag zum 800-jährigen Jubiläum der weltberühmten Sängerknaben von der Pleiße ist in dem Brief die Rede. 2012 wird das sein.
Hans Werner Henze amüsiert sich mit leiser, müder, doch präzise die Worte suchender Stimme, dass er für den Chorauftrag noch viel Zeit hat, denn sein einst rastloses Leben hat sich verlangsamt: »In dieser Kommission vereint sich Jugend und Tradition, so mag ich es.« Jugend und Tradition: Ähnlich positioniert ist auch seine nächste Novität, die am 25. September in der Maschinenhalle Zeche Zweckel in Gladbeck uraufgeführt wird: »Gisela«. Über 40 Partner präsentieren bei RUHR.2010, dem europäischen Kulturstadtjahr in und um Essen, Henzes »musikalisches Werk und gesellschaftliches Handeln von den frühen Anfängen bis zu den Werken der Gegenwart«. Eine ähnlich dimensionierte Ehrung ist wohl noch keinem lebenden Komponisten widerfahren. Sie gipfelt bei der Ruhrtriennale in der Uraufführung des Singspiels für Jugendliche »gisela! oder: die merkund denkwürdigen wege des glücks«. Henze erzählt: »Es spielt zwischen Oberhausen und Neapel. Eine Kunsthistorikerin verliebt sich in Italien in einen Pulcinella-Darsteller, gerät aus der Lebensbahn, zieht den Boy mit zurück. Das muss natürlich furchtbar scheitern.« Könnte Gisela vielleicht auch Hans Werner heißen? Ihr eher unmoderner Name verrät jedenfalls das Alter ihres Schöpfers.
»Ich hoffe, es wird ein hörbares und spielbares Opus, das allen Beteiligten Spaß macht«, gibt sich der Komponist fast leutselig, »etwas über die Jugend hier und heute«. Er hat Erfahrung mit Werken für das kleine Volk, man denke nur an seinen »Pollicino« oder die diversen pädagogischen Aktivitäten beim von ihm gegründeten »Cantiere« im toskanischen Montepulciano. Zwischen Commedia- dell’Arte-Improvisationen, die in Chaos auszuarten scheinen, und Gebrüder-Grimm-Romantik, die zu Albträumen mutiert, soll in »Gisela« über allem das große Gefühl regieren. Und sogar der Vesuv kommt dabei zum Ausbruch. Und am 20. November folgt bereits die nächste »Gisela«-Premiere an der Semperoper Dresden, die das Werk mitbestellt hat.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2010



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