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Dietrich Fischer-Dieskau

Der große Bogen

Dietrich Fischer-Dieskau wird 85 Jahre alt. Robert Fraunholzer besuchte den »bedeutendsten Sänger des Jahrhunderts« (Bernstein) in Berlin und sprach mit ihm über seine besten Aufnahmen, heutiges »Geträller«, den Komiker Horowitz und den Schmerz, nicht mehr auftreten zu können.

RONDO: Herr Fischer-Dieskau, wissen Sie, wie oft Sie »Die Winterreise« von Schubert aufgenommen haben?

Dietrich Fischer-Dieskau: Ich glaube zehn Mal.

RONDO: Erstaunlich.

Dieskau: Einerseits ja, andererseits nein. Denn die »Winterreise« enthält auf dem Notenpapier nur Skizzen, sodass Auslegungen vieler Art möglich sind. Ich habe es genossen, dass man sich, ohne Schubert untreu zu werden, so stark einmischen darf.

RONDO: Auf welche Ihrer vielen Schallplatten sind Sie richtig stolz?

Dieskau: Ich finde die Hugo-Wolf-Ausgabe mit Barenboim ist etwas dergleichen. Aber auch die mit Gerald Moore. Weil Moore ein so unglaubliches Legato-Spiel besaß, das die anderen Pianisten alle nicht haben. Schön sind auch die Schubert-Einspielungen mit Gerald Moore. Auch meine erste Verdi-Platte unter Alberto Erede – find’ ich gut!

RONDO: Sie haben mir einmal gesagt, Ihr Ziel sei es gewesen, das Legato neu in den Gesang einzuführen. Auch Karajan war ein großer Legato-Fan. Lag die Idee in der Zeit?

Dieskau: Nein, es lag nicht in der Zeit, es war eine immer wieder neue Erkenntnis. Sie bestand darin, dass sich alle Musik aus großen Bögen zusammensetzt. Bögen, die einen Anfang nehmen, einen Höhepunkt haben – unter Umständen sehr viel später – und dann wieder in sich zurückgehen. Karajan ist sogar grundsätzlich so vorgegangen, dass er den Aufbau seiner Interpretationen nach großen Bögen strukturierte – darin Furtwängler durchaus ähnlich. Es gab auch ein paar ganz hervorragende Legato- Sänger. Zum Beispiel Fritz Wunderlich. Die jungen Leute heute dagegen machen sich überhaupt keinen Begriff davon, dass es eine Linie gibt und einen Höhepunkt. Denn das macht Arbeit. Was jetzt geträllert wird vom F oder Fis aufwärts, das ist Bayreuths nicht würdig. Und das ist auch in Salzburg unmöglich. Und insofern gehe ich in diese Aufführungen ganz bestimmt nicht mehr.

RONDO: Sie haben zuletzt ein schönes Büchlein über Furtwängler geschrieben, den heute wohl meistbewunderten Dirigenten.

Dieskau: Fing Furtwängler an zu dirigieren, war sofort eine bestimmte, musikalische Atmosphäre im Saal. Er hat durchaus nicht immer langsam dirigiert, aber mit sehr feinen Tempounterschieden. Eine gewisse Atemruhe für alle Orchestermusiker stellte sich ein, und man glaubte nicht, wie so etwas möglich ist. Übrigens, ich bewundere Arturo Toscanini ebenso sehr. Wäre Toscanini nicht von Anfang an zu recht so erbittert gegen Deutschland und die Regierung gewesen, und hätte er hier dirigieren können: Oh Gott, was hätte Furtwängler da gemacht?!

RONDO: Glauben Sie, dass Toscanini aufgrund seines strikten Akkuratheitsideals leichter zu kopieren ist?

Dieskau: Nein, sonst hätte er bei ein paar verantwortungsbewussten Dirigenten Nachahmer gefunden. Hat er aber nicht. Niemand kann sich mit ihm vergleichen. Toscanini trat auf fast wie ein Handwerksmeister. Er war sich bewusst: Ich muss jetzt furchtbar arbeiten. Was herauskam, war eigentlich noch essentieller und richtiger als bei Furtwängler.

RONDO: Sie haben als vielleicht einziger mit Vladimir Horowitz als Begleiter zusammengearbeitet. Hat er Sie wirklich begleitet?

Dieskau: Er hat nicht begleitet. Ich habe ihn begleitet. Das ist ja auch sehr reizvoll. Horowitz’ Charakter war im Grunde der eines Komikers. Das zeigte sich gerade auch in seiner Virtuosität – eine Virtuosität, die heute nur noch von Lang Lang aus China erreicht wird, von sonst niemandem. Der aber hat sie, vielleicht sogar noch ausgeprägter. Diese sehr schnellen Tempi und die Möglichkeit, alle kleinen Noten wirklich hörbar zu machen, war bei Horowitz oft eine Sache um ihrer selbst willen.

RONDO: Vermissen Sie das Auftreten?

Dieskau: Ich finde es schon einen Riesenverlust. Ich glaube, dass das Altwerden überhaupt hauptsächlich aus Verlusten besteht.

RONDO: Brauchten Sie den Auftritt so sehr?

Dieskau: Nein, aber wissen Sie, das Publikum im Laufe eines Abends zu einer Person umzugestalten, wirklich einen Hörer und nicht 200 oder 2.000 vor sich zu haben, ist das Ziel. Und ich finde: Es lohnt sich.

Neu erschienen:

Ein Porträt

Dietrich Fischer-Dieskau

EMI

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2010



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