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N° 1354
20.04. - 01.05.2024

nächste Aktualisierung
am 27.04.2024



Startseite · Interview · Gefragt

Martin Stadtfeld und Jan Vogler

Im digitalen Chatroom

Zum Zwiegespräch brauchen zwei Kammermusiker – eine Binsenweisheit – nichts als ihre Instrumentenstimme. Zum RONDO-Gespräch traf man sich aber nicht in irgendeiner Musikkammer, sondern im digitalen Chatroom. Mit Jan Vogler und Martin Stadtfeld unterhielt sich Tomasz Kurianowicz höchst ungezwungen über Bach, die Tücken der Kritik und über das Politische in der Musik.

RONDO: Meine Herren, können Sie mir beschreiben, wo Sie sich gerade befinden?

Martin Stadtfeld: Ich bin zu Hause am Computer.

Jan Vogler: Ich bin in Dresden in meiner Wohnung.

RONDO: Sie haben gemeinsam die frühen Gambensonaten von Bach eingespielt. Herr Stadtfeld, Bach hat Sie berühmt gemacht. Was ist das für ein Gefühl, wenn man Bach zu zweit spielt? Müssen Sie immer miteinander verschmelzen oder darf man den anderen auch mal ein wenig anpeitschen?

Stadtfeld: Wir peitschen uns immer gegenseitig an, im Konzert wie in der Aufnahme. Aber zugleich suchen wir auch immer die Balance. Das Geflecht der drei Stimmen, das in seiner Komplexität etwas Kosmisches hat, das lieben wir beide.

Vogler: ;-) Gut gesagt! Und es gibt genug Gemeinsamkeiten UND Unterschiede – die Grundlage für eine interessante Kommunikation.

RONDO: Wann wird es für Sie »komisch«, Herr Stadtfeld?

Stadtfeld: Sie meinen »kosmisch«?

Vogler: Die Tücken des Chats ... ;-)

RONDO: LOL. Das war ein Freud’scher Verschreiber ... sozusagen ;-)

Stadtfeld: Kosmisch wird es, wenn sich die Balance einstellt, die Balance des Gefühls, wenn alles leicht wird, wenn es zum Spiel wird, wie es Schiller betont hat. Kennen Sie Schiller? Nicht den von der Lang-Lang-CD :-) Und wenn die Kraft der Musik uns gemeinsam wegträgt ...

RONDO: Nehmen Sie Rücksicht auf das, was man über Sie schreibt?

Vogler: ;-) ;-) ;-)

Stadtfeld: Ich versuche mich an Folgendes zu halten: Wenn mich die schlechten Kritiken nicht interessieren, dürfen es auch die guten nicht.

Vogler: Oh, das ist aber eine harte Regel, Martin! Ich lese es mal mit mehr und mal mit weniger Interesse.

RONDO: Also der eine liest, der andere nicht?

Stadtfeld: Meine Güte, ich gebe zu: Ich lese alles.

RONDO: Jetzt müsste man wissen, ob sie dies mit Ironie geschrieben haben oder nicht.

Stadtfeld: Ich lese wirklich fast alles. Ich lese oft und gern Kritiken in kleinen Zeitungen: Die sind wirklich noch eindringlich und liebevoll mit der Sache beschäftigt. Dort ist das Spiel noch nicht so abgekartet.

Vogler: Ich finde, man kann das alles relativieren. Die Reflexion in der Presse gehört zu unserem Job!

RONDO: Der eine von Ihnen beschäftigt Komponisten, die über Abu-Ghuraib komponieren. Der andere zieht in die Klassenzimmer, um Kinder für Musik zu begeistern.

Vogler: Beides klingt interessant ... ;-)

Stadtfeld: Jan ist ja viel politischer als ich. Ich suche immer nur das Glück. Wenn ich Kindern ein bisschen Musik vermitteln kann und wunderbare Reaktionen bekomme, von denen ich lernen kann, dann macht mich das glücklich.

RONDO: Sehen Sie sich als einen politischen Menschen, Herr Vogler?

Vogler: Präziser wäre: politisch interessiert. Und das ist Martin sicher auch. Wenn ich durch ein Werk Menschen zum Nachdenken bringe, dann macht mich das glücklich.

Stadtfeld: Ich bin politisch interessiert, aber immer misstrauisch. Ich sehe unbedingte Größe immer nur in der Kunst, und das ist sicherlich falsch.

Vogler: Nein, das ist sicher richtig! Denn was von einer Kultur nach Hunderten von Jahren bleibt, ist ihre Kunst.

Neu erschienen:

Ludwig van Beethoven

Der junge Beethoven

Martin Stadtfeld, Staatskapelle Dresden, Sebastian Weigle

Sony Classical

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Tomasz Kurianowicz, 08.03.2014, RONDO Ausgabe 5 / 2009



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