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Nils Mönkemeyer

An der Schamgrenze

Nils Mönkemeyer gilt als erster deutscher Bratschenstar. Er hat es selbst bewirkt: Mit seiner Debüt-CD Anfang des Jahres »katapultierte« er sich »mitten in die erste Liga« – wie es in unserer Kritik hieß. Robert Fraunholzer sprach mit dem neugierig und entspannt desillusioniert wirkenden Wunderknaben, dessen klarer und analytisch offener Bratschenton ebenso mitteilsam wirkt wie er selbst.

»Jung, aber nicht mehr unschuldig«, lautet die Selbstbeschreibung. Also: frisch, mit leichten Gebrauchsspuren. Als Nils Mönkemeyer Anfang des Jahres sein Debüt-Album mit dem eher nichtssagenden Titel »Ohne Worte« herausbrachte, schienen die Erfolgserwartungen gering. Ein Vorspeisenteller voll Schubert-, Schumann- und Mendelssohnaufschnitt. Der Künstler auf dem Cover: kaum erkennbar. Wenig Werbung. Ein Sortimentsmitläufer dachte man. Doch Originalität setzt sich durch. Journalisten, die dem 30-jährigen Mönkemeyer begegneten, multiplizierten postwendend ihre mit der Redaktion vereinbarte Zeilenzahl. Dem plauderhaften Charmeur wurden Radio- und Fernsehbeiträge gewidmet. Der CD-Verkauf steigerte sich um 300 Prozent über Erwarten. Ein Vertrag über fünf optionale Alben wurde fix. Das erste deutsche Bratschenwunder war geboren. Kaum ein Dreivierteljahr später setzt Nils Mönkemeyer jetzt mit seinem zweiten Soloalbum überfliegerhaft nach.
»Ich konnte nicht genug kriegen«, so Mönkemeyer über den Grund seines Erfolges. Ein Preisregen bei verschiedenen wichtigen Wettbewerben hatte ihn auf die Karrierespur gesetzt und half eine anfängliche Schüchternheit ins Gegenteil zu verkehren. Der Mann mit der Lippenspalte kaschiert höchstens beginnende Haarprobleme unter einer kessen Schiebermütze. Er plaudert ungeschützt und vertrauensselig, allerdings nicht naiv drauflos. Meisterkurse beim Violaübervater Yuri Bashmet gaben ihm den musikalisch letzten Schliff. Und rüsteten ihn für eine Business-Arena, in der der Konkurrenzkampf eben deswegen so eisenhart ist, weil es so wenig lukrative Angebote zu verteilen gibt. Warum hat es so lange gedauert, bis jemand, der als Überzeugungstäter zum Karriereangriff übergeht, den großen Abräumer für ein bislang schief angesehenes Instrument gibt. Bratsche, das klingt nach irgendwas zwischen Bratpfanne oder Backpfeife. Er könne es nicht mehr hören, sagt Mönkemeyer, dass die Viola stets als »die dickliche Schwester der Geige« tituliert und als hässliches Entlein der Klassik verschrien werde. Der Ton des Instrumentes sei angenehmer im Ohr als jener der Geige. Menschlich wärmer, erotisch geerdeter und ironisch zweideutiger. Es sei ein Instrument ohne Gefühlsüberschwang. Streichzart ohne Fettansatz.
Der schlaksig hochgeschossene, leicht überdreht scheinende Mann wirkt selbst am Vormittag schon, als ob er sich durch stundenlange Konzerte locker gespielt hätte: Entspannt desillusioniert, neugierig und ohne Tabuzonen ist er sich klar darüber, dass Bratscher traditionell als Ostfriesen unter den Instrumentalisten angesehen werden. Und dass genau die Notwendigkeit, am Image noch was zu ändern, seine große Chance ist. Der Bremer absolvierte Odyssee-Jahre in München, Salzburg und Madrid, bevor er für diesen Durchbruch reif war. Zwischen elf und 14 Jahren nahm er sich überhaupt eine Bratschenauszeit. »Ich bin oft auf die Nase gefallen, sieht man das?«, flachst er. Das Demotape schickte der heute 30-Jährige erst an kleine Firmen. Dann wurde er frech und sagte mit Blick auf einen CD-Major: »Da fang ich an!« Er passe ins Sortiment, so sein Argument. Seine Plattenfirma sah das genauso. Duo-CDs sind billig zu produzieren und verbreitern das Angebot. Schon beim zweiten Anlauf investiert man jetzt die Dresdener Kapellsolisten unter Helmut Branny.
Mönkemeyers süffiger Klang, sein musikalisches Laissez-faire, das sich indes dramatisch verdunkeln und nervös aufbäumen kann, tragen auf seiner neuen CD perfekt durch die Konzerte von Antonio Rosetti, Franz Anton Hoffmeister und Johann Sebastian Bach. Das bewegliche Schnurren, der oben grell aufgreinende Ton wirken unendlich mitteilsam, analytisch offen und klar. Dieser Wille zum Ausdruck spiegelt sich in Vorbildern Mönkemeyers, unter denen sich nicht ein einziger Bratscher findet. Waren ihm die zu temperamentlos? Er verehrt die tragische Violin-Untergeherin Ginette Neveu für die Kunst emotionaler Überspitzung, David Oistrach für die Noblesse seines Brahms-Violinkonzertes. Die eigenbrötlerisch widerspenstigen Pianisten Clifford Curzon und Radu Lupu favorisiert er. Unter Traumdirigenten bekennt er sich zum schwerblütig tremolierenden Willem Mengelberg und Nikolaus Harnoncourt. Bachs Violinkonzerte (mit der Solistin Alice Harnoncourt) war ein heiliges Album seiner Jugendzeit. Mit solch extremen Vorlieben wird Gefühlsüberschwang in ein Instrument gebracht, von dem Geiger oft fälschlich glauben, es könne von ihnen gleich mitgefiedelt werden. »Geiger auf der Bratsche klingen häufig zu leicht. Das Instrument verlangt mehr Gewicht, auch ein stärkeres Vibrato. « Die Bratsche, eine Kraftgeige also. Umso größer seien der Workout- Bedarf und die Notwendigkeit, ökonomisch wohldosiert mit den Auftritten umzugehen. Außerdem: »Man muss Spaß an der Kommunikation haben.« In jeder Begegnung mit dem Publikum komme der Augenblick, wo ein Bratscher sein Instrument nicht nur gebrauchen, sondern auch erklären muss.
Tatsächlich zog fast die ganze Romantik achtlos an der Viola vorbei. Zwischen Mozarts »Sinfonia concertante« und Hindemiths »Schwanendreher« findet man kaum dankbare Kost. Also darf kein Bratscher zimperlich sein in der Bereitschaft zur Bearbeitung. Den »Albrecht-Mayer-Effekt« nennt das Mönkemeyer. »Gut muss es klingen«, ist sein einziges Kriterium. »Schamgrenzen gelten nicht!« So finden sich auf der neuen CD, die trotz hochseriöser Kost leicht und tänzerisch daherkommt, sogar Kantatenarien von Bach – für Viola gesetzt. »Weichet nur, betrübte Schatten« BWV 202 hat der CD ihren Namen gegeben. Selbst mit »Ich habe genug« BWV 82 gewinnt er dem Thomaskantor erbauliche Qualitäten ab. Nils Mönkemeyer, der sich als Feelgood-Frühklassiker in die E-Musik-Charts bratscht, dürfte durch pures Kommunikationstalent eine Trendwende für die Bratsche bewirkt haben. Seine Devise: »Mach locker!« Genau das macht er vor.

Neu erschienen:

Rosetti, Bach, Hoffmeister

»Weichet nur, betrübte Schatten«

Nils Mönkemeyer, Dresdner Kapellsolisten, Helmut Branny

Sony Classical


Die kleine Dicke mit dem kurzen Hals

Die Bratsche (engl./franz. Viola) gab bislang hauptsächlich Anlass zur Heiterkeit. Bratscherwitze gehören von jeher zum unauslöschlichen Inventar vor allem deutschen Musikerhumors. Gute Bratscherwitze sind indes noch größere Mangelware als gute Bratscher. Seit William Primrose, dem ersten, heute schon wieder vergessenen Star des Instruments, folgten nicht wenige große Bratscher. Indes fungiert der Russe Yuri Bashmet inzwischen fast häufiger als Dirigent. Kim Kashkashian flüchtete vorübergehend zum Jazz, die deutsche Tabea Zimmermann in die Sicherheit einer Berliner Professur. Die meisten Bratscher suchten Unterschlupf in Orchestern (langjährig etwa Wolfram Christ bei den Berliner Philharmonikern) – oder im Glücksfall in einem Streichquartett (wie etwa Friedemann Weigle im Artemis Quartett).
In alldem spiegeln sich Repertoire-Engpässe für Solisten. Zwar exzellierten zahlreiche Komponisten von Mozart bis Hindemith auf der Bratsche. Viele Konzerte herausgekommen sind dabei nicht. Berlioz widmete seinen »Harold en Italie« und Béla Bartók sein Bratschenkonzert dem Instrument. Richard Strauss besetzte mit ihm den Sancho Pansa in seiner Tondichtung »Don Quixote«. Doch selbst hier muss es hinter dem Cellisten zurückstehen, dem die fettere Protagonistenrolle zugefallen ist. In letzter Zeit hat sich viel getan. Neue Talente wie der Franzose Antoine Tamestit und der US-Amerikaner David Aaron Carpenter haben die Szene neu aufgemischt. Als erdigeres, der menschlichen Stimme ähnlicheres Instrument befindet sich die Viola mächtig auf dem Vormarsch. Dennoch gilt für Geiger, die ihr Instrument vor Diebstahl schützen wollen, immer noch die Empfehlung: Transportier es in einem Bratschenkasten!


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2009



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