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Musikstadt

Stockholm

In Stockholm kann man sich der Klassik per Schiff oder per Bus, zu Fuß oder durch die Brille der Vergangenheit nähern.

So ereignet sich Opernglück. Man steht unter einem gemalten Himmel in einem klassizistischen Salon und blickt an Kristalllüstern vorbei in echten Himmel. Zarte Wolken türmen sich effektvoll, lassen dramatisch Sonnenstrahlen durch, die sich putzende Blesshühner bescheinen, welche im englischen Gartental vor Drottningholms Schlosstheater dösen.
Eine Wendung um 180 Grad führt ins von elektrischem Wackelkerzen-Dämmer erhellte Auditorium, wo Marmor und Gold Pappmaché und Farbe sind, wo alles Musik und Bild gewordene Illusion ist, und wo 450 Zuschauer erwartungsfroh harren. Der Auftakt in einem der wenigen, voll funktionsfähigen Barocktheater Europas – das eine deutsche Schwedenkönigin, Luise Ulrike, erbauen und ihr theaterverrückter Sohn Gustav III. zweimal am Tag bespielen ließ –, er ist jedes Mal etwas Besonderes.
Steht man vor dem dottergelben Schloss, so wohnen links die immerhin halbdeutschen Könige von heute (Drottningholm ist der offizielle Sitz des Regenten Carl XVI. Gustav), im rechten Hausteil hängen deren preußische Urahnen – gemalt von Antoine Pesne, wie es sich gehört. Friedrich Wilhelm I., Sophie Dorothea, Friedrich der Große, Friedrich Wilhelm II. – alle da. Mitgebracht hat die Bilder Luise Ulrike (1720– 1782), Schwester Friedrichs des Großen und von 1751 an als Gemahlin Adolf Fredriks Königin von Schweden. Kunstinfiziert, opernbegeistert wie ihre Geschwister in Berlin, Rheinsberg und Bayreuth, ließ auch sie neben ihrem Sommerschloss Drottningholm ein Theater bauen.
Das versank 1792 nach der Ermordung ihres ebenfalls musenliebenden Sohnes Gustav III. im Dämmer des Vergessens – um 1920 unter einer dicken Staubschicht wieder entdeckt zu werden, samt funktionsfähiger barocker Bühnenmaschinerie und kompletten Kulissensätzen. Seitdem pflegt man in Drottningholm bei flackernd elektrischer Beleuchtung vorklassische Oper und Tanz.
Wer sich nach 55 Minuten sanft schaukelnder Dampferfahrt, über zehn Kilometer weg vom Stockholmer Stadthaus, ergeht in Schloss, Chinapavillon, französischen Bosquets, englischen Parkwegen, Adriaen de Vries-Bronzen im Dutzend und anschließend das Theater besucht, taucht ab in eine verzauberte Märchenwelt aus Puderperücken und Darmsaiten, Gluck, Göttern und Gelehrten. Einen Schub bekam das Unternehmen zweifach: durch die Alte Musik-Bewegung sowie durch Ingmar Bergmans Film „Zauberflöte“, der damals freilich das originale Theater im Studio nachbauen ließ.
Einen Dämpfer setzte vor einigen Jahren der Staat, der Subventionen kürzte, deshalb sind augenblicklich nur so viele Vorstellungen wie Anno 1950 möglich. Das sind entschieden zu wenige, denn die Nachfrage stieg auch international seit hier Arnold Östman mit Göran Järvefelt einen bahnbrechenden Mozart- Zyklus verwirklichte. Später war der schwedische Sopranstar Elisabeth Söderström, die hier 1947 in Mozarts „Bastien und Bastienne“ debütiert hatte, Intendantin in Drottningholm. Doch selbst die Zeiten, als Anfang der Zweitausenderjahre Pierre Audi und Christophe Rousset mit Stars wie Anne Sofie von Otter, Christine Schäfer oder Bejun Mehta (zum Glück zum Teil auf DVD festgehalten) Opern von Händel und Rameau spielen konnten, sind leider vorbei.
Trotzdem setzt man weiterhin, wenn auch mit weniger Mitteln und nur lokalen Sängern, allsommerlich in dem nicht beheizbaren Haus auf den Zauber der historischen Wechselkulissen und ihrer raffinierten Maschinerie. Was für ein Privileg, diese Partituren hier so schimmernd reich und so geistvoll vielgestaltig hören zu können, während sie in den großen Opernhäusern notgedrungen vergröbert und im Ausdruck nivellierter gespielt werden müssen.
Das Theaterjuwel im Vorort ist das wirklich Einzigartige, das in Stockholm als Musikstadt zu finden ist, aber natürlich hat diese reiche, bürgerlich-gediegene, nie in einem Krieg zerstörte skandinavische Hauptstadt auch sonst viel Wohlklingendes zu bieten. Bleiben wir doch bei der Oper. Deren Haupthaus ist natürlich auch ein königliches. Die Kungliga Operan steht gegenüber dem von ihr nur durch das Wasser des Mälarensees getrennten Schloss im zentralen Norrmalm-Bezirk. Viele Stockholmer besuchen zwar nur das so traditionsreiche wie teure Restaurant Operakällaren, das ebenfalls im Gebäude ist, aber ansonsten sind auch die Leistungen der Oper, des Königlichen Balletts wie der Hofkapelle hörens- und sehenswert.

Barocke Zeitreisen in Drottningholm oder Seventies- Fummel von Abba: Für jeden Musikgeschmack gibt’s einen Schwedenhappen.

Bei der älteren, im 16. Jahrhundert gegründeten Kapelle wirkte auch eine Reihe von deutschen Musikern, darunter mehrere Mitglieder der Düben-Familie sowie Johann Gottlieb Naumann, Georg Joseph Vogler und der gern als „schwedischer Mozart“ apostrophierte Joseph Martin Kraus. Denn eine eigenständige schwedische Musiktradition entwickelte sich erst im 19. Jahrhundert.
Die Geschichte der Oper in Schweden wird allgemein mit dem theaterverrückten Gustav III. (1646–1692) angesetzt, der auch in den Räumen der Oper bei einem Maskenball ermordet wurde. Das wiederum inspirierte Giuseppe Verdi zu seinem „Ballo in maschera“, der freilich aus Zensurgründen zunächst nach den USA verlegt werden musste. Nach über hundert Jahren riss man das erste Opernhaus 1891 ab, da es abgenutzt und zu klein geworden war. Seine Architektur ist noch in dem symmetrisch erbauten heutigen Außenministerium erhalten geblieben. Das neue Opernhaus wurde im schweren, pompös goldenen neoklassizistischen Stil von Axel Anderberg an derselben Stelle errichtet. Die Einweihung fand am 19. September 1898 statt.
Zu den weltberühmten schwedischen Sängern und Sängerinnen, die aus dem Ensemble des Opernhauses hervorgingen, gehören unter anderen Jussi Björling, Gösta Winbergh, Nicolai Gedda, Peter Mattei, Jenny Lind, Birgit Nilsson, Elisabeth Söderström, Anne Sofie von Otter, Solveig Kringlebotn, Miah Persson und Katarina Dalayman. Gegenwärtig ist Nina Stemme die bekannteste Hofopernsängerin, die dem Haus nach wie vor verbunden ist und erst unlängst dort ihre Debüts als Minnie in „La fanciulla del west“ sowie als Turandot sang.
Sehr gern besucht wird aber auch die weniger pompöse Folkoperan im Edelwohnviertel Södermaln, die 1976 von Claes Fellbom gegründet wurde. Die Königlich Schwedische Musikakademie ist eine ehrwürdige, 1771 von Gustav III. gegründete Institution, wichtiger für den schwedischen Klassikalltag ist aber natürlich die als deren Ableger fungierende Königliche Hochschule, die ihre Absolventen später gern in der Oper oder in den drei Orchestern untergebracht sieht.
Im sachlichen, 1926 nach Entwürfen von Ivar Tengbom eröffneten Konserthuset mit seinem Orpheus-Brunnen gastieren fremde Klangkörper, es ist aber auch Heimat des seit 1914 permanent spielenden Königlich Philharmonischen Orchesters (Kungliga Filharmonikerna), zudem werden hier die Zeremonien des Nobelpreises wie des Polarpreises abgehalten. Dem Orchester steht seit 2008 der Finne Sakari Oramu vor, Fritz Busch, Hans Schmidt-Isserstedt, Antal Doráti, Gennadi Rozhdestvensky, Paavo Berglund, Andrew Davis, Paavo Järvi und Alan Gilbert zählen zu seinen Vorgängern. Im Konserthuset finden auch das Internationale Komponistenfestival und das Komponistenwochenende statt.
Für das schwedische Radioorchester unter seinem gegenwärtigen, seit Herbst 2007 amtierenden Chef Daniel Harding und dem weltweit renommierten, von Peter Dijkstra geleiteten Chor steht hingegen die 1976 eröffnete, betonmoderne, nach dem Komponisten Franz Berwald benannte Berwaldhallen in einem Landschaftspark am Rand von Östermalm zur Verfügung. Sie wurde als Sechseck teilweise in den Felsen hineingebaut und verfügt über eine exzellente Akustik.
Aber natürlich ist keine Musikreise nach Stockholm vollständig, ohne irgendeine Begegnung mit Abba. Die Mega-Band der Siebziger, deren Erfolg bis heute anhält, ist seit dem 7. Mai 2013 museumswürdig, ihre Gedenkschau ist Teil des Swedish Music Hall of Fame, auf der Insel Djurgården im Osten der Stadt, die die Geschichte der schwedischen Popmusik von 1920 bis heute dokumentiert. Und auch die einmal umgezogenen Polarstudios, die den beiden männlichen Ex-Bandmitgliedern gehören, gibt es noch. Viele berühmte Bands haben hier aufgenommen, die Abba-Alben entstanden freilich am Vorgängerort im Stadtteil Kungsholmen. Die Stadt hält also für wirklich jeden Musikgeschmack einen Schwedenhappen im Touristikkörbchen bereit.

www.drottningsholmsslottsteater.dtm.se
www.operan.se
www.konserthuset.se
www.folkoperan.se


Stockholmer Opernsommer 2014

Der Sommer ist diese Saison ganz Wolfgang Amadeus Mozart gewidmet. Im Schlosstheater von Drottningholm kann man vom 3. bis 16. August das von David Stern dirigierte Jugendwerk „Mitridate, re di Ponto“ und vom 6. bis 20. September den etwas reiferen „Idomeneo“ erleben, den Lawrence Renes leiten wird.
An der Königlichen Oper gibt es bis zum Ende der Saison wieder Mozarts „Don Giovanni“ zu sehen, den – wie auch die schon als „Boy Scout Fassung“ titulierte „Zauberflöte“ – der aufregende Regisseur Ole Anders Tandberg inszeniert hat. Zudem steht Wagners „Tannhäuser“ in der Regie von Staffan Valdemar Holm auf dem Spielplan. Die Folkoperan hat unter anderem Bachs „Matthäus Passion“ sowie Verdis „La traviata“ im Programm.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2014



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