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14. — 20. Oktober 2017

Neu!

Im Herbst wird der Name „Donaueschingen“ zum Synonym für „Neue Musik“, wenn jährlich die ganze Szene zusammenkommt zum ältesten und traditionsreichsten Festival für Neue Musik weltweit. Auch in diesem Jahr sind im Verlauf des Festival-Wochenendes (19.-21. Oktober) ganze 20 Uraufführungen geplant, u.a. von Bernhard Lang, Thomas Meadowcroft und Andreas Dohmen, dazu Installationen und Diskussionen. Die kleine Stadt in Baden-Württemberg hat im Verlauf der Jahrzehnte Musikgeschichte geschrieben, denn seit der Gründung des Festivals im Jahr 1921 fanden hier bereits Uraufführungen von u.a. Berg, Schönberg und Webern statt, aber auch von Cage, Kagel und Schnebel. Auch in diesem Jahr werden zum Festival-Wochenende wieder etwa 10.000 Besucher erwartet, die das Neueste aus der „klassischen“ Musik erleben wollen. Das Eröffnungs- und das Abschlusskonzert überträgt der SWR im Livestream auf SWRClassic.de.

(Fotos: www.swr.de/swr-classic/donaueschinger-musiktage)


07. — 13. Oktober 2017

Ausgezeichnet

Preise leben von ihrem Prestige. Für Opernhäuser ist die Auszeichnung „Opernhaus des Jahres“, die die Zeitschrift „Opernwelt“ jährlich vergibt, eine sehr begehrte Trophäe. Nun hat erstmals ein Haus aus Frankreich das Rennen gemacht: Die 50 Kritiker aus Europa und USA kürten die Opéra de Lyon zum besten Opernhaus der vergangenen Saison – wegen der mutigen und experimentierfreudigen Produktionsplanung des Intendanten Serge Dorny und wegen der hervorragenden künstlerischen Leistung des Ensembles. Aber auch alte Bekannte wurden wieder mit Auszeichnungen bedacht: Sopranistin Anja Harteros hat bereits 2009 den Titel als „Beste Sängerin“ einheimsen dürfen und kann diesen Erfolg jetzt wiederholen. Ihr Kollege, der Tenor Matthias Klink, wurde als „Sänger des Jahres“ ausgewählt, der Chor der Stuttgarter Oper darf sich bereits zum siebten Mal über den Titel „Chor des Jahres“ freuen. Dass das Bayerische Staatsorchester mit Chefdirigent Kirill Petrenko bereits zum vierten Mal nacheinander zum „Orchester des Jahres“ gewählte wurde, dürfte niemanden verwundern. Als beste Uraufführung wurde das experimentelle Musiktheater „Infinite Now“ von Chaya Czernowin aus Israel geehrt. Dmitri Tcherniakov konnte sich als „Regisseur des Jahres“ durchsetzen – für seine Inszenierung von Bizets „Carmen“ beim Festival in Aix-en-Provence. Herzlichen Glückwunsch an alle Gewinner!

(Foto von Anja Harteros an der Bayerischen Staatsoper: Wilfried Hösl)


30. September — 06. Oktober 2017

NORDLICHT

Selten kann man den Orchesternachwuchs hierzulande auf höherem Niveau erleben als bei den Konzerten der Jungen Deutschen Philharmonie. Davon konnte man sich in diesen Tagen mal wieder überzeugen, denn nach einer Probenphase in Sondershausen tourte das Orchester unter der Leitung von Jukka-Pekka Saraste durch Deutschland (von Wilhelmshaven über Berlin bis Hannover) und wird abschließend am 3. Oktober ein Gastspiel in Bratislava geben. Die diesjährige Proben- und Konzertphase stand dabei unter dem Titel „NORDLICHT“ – denn programmatisch ging es in den hohen Norden. Bei der atmosphärischen Orchesterkomposition „Laterna Magica“ der finnischen Komponisten Kaija Saariaho, bei Sergei Prokofjews 3. Klavierkonzert (mit Solist Tzimon Barto bzw. in Berlin Nikolai Lugansky) und abschließend Carl Nielsens 4. Sinfonie („Die Unauslöschliche“) wurden alle Stimmgruppen des riesigen Klangkörpers zu Höchstleistungen angespornt. Saariahos Komposition wurde von einer Licht-Installation (Matthias Rieker) um zusätzliche atmosphärische Dimensionen ergänzt. Gleich nach der Tournee, am 13. Oktober, erscheint zudem die neue CD der Jungen Deutschen Philharmonie im Handel: „Abgesang“, mit Werken von Ravel und Schostakowitsch, dem Programm der vergangenen Frühjahrsarbeitsphase unter der Leitung von Jonathan Nott. Mitgeschnitten wurde bei einem Konzert in der Berliner Philharmonie: eine schöne Dokumentation der intensiven Arbeit dieses jungen Ausnahme-Orchesters.

(Foto der Jungen Deutschen Philharmonie: Achim Reissner)


23. — 29. September 2017

Vorhang auf!

Die neue Saison steht in den Startlöchern! Nach sechs wohlverdienten Wochen Saisonpause sind die Opernmacher zurück und bereiten fieberhaft die ersten Produktionen vor. Vereinzelt wurde schon Premiere gefeiert, in Basel etwa mit einer der unbekannteren Mozart-Opern („Lucio Silla“), mit Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ in Bremen und dem „Fliegenden Holländer“ in Darmstadt. Beim Durchblättern der Saison-Broschüren begegnen einem für die Spielzeit 2017/18 viele alte Bekannte – aber zum Glück nicht nur. Hoch im Kurs steht in der beginnenden Saison vor allem Mozarts „Don Giovanni“, der im RONDO-Premierenkalender gleich 10 Mal zu finden ist, die „Zauberflöte“ schafft es immerhin auf sieben Einträge, und Bizets „Carmen“ bringen fünf Häuser neu heraus. Unter den Operetten scheint Strauß´ „Eine Nacht in Venedig“ besonders beliebt zu sein (4 Neuproduktionen!). Mit Spannung darf man aber vor allem zahlreiche Premieren von bislang weitgehend unbekannten Werken erwarten, und das auch und gerade an kleinen Häusern: zum Beispiel die im KZ verfasste Kinderoper „Brundibár“ von Hans Krása (am Landestheater Linz), „Der Goldkäfer“ von Dai Fujikura am Theater Basel, Othmar Schoecks „Penthesilea“ am Opernhaus Bonn, Heinrich Marschners „Hans Heilig“ in Essen oder George Enescus „Oedipe“ in Gera. Vorhang auf für eine hoffentlich spannende, diskussionswürdige, lebendige Opernsaison 2017/18!

Alle Premierentermine finden Sie gesammelt unter Termine.

(Fotos von der „Lady Macbeth“ am Theater Bremen: Jörg Landsberg)


16. — 22. September 2017

Kulinarische Mischung

Das Wort „Haydn-Pflege“ mag Stefan Ottrubay gar nicht. Den Vorstand der Esterházy-Stiftung erinnert es an Pflegeheime und Schlimmeres: „Was gibt es denn an Haydn zu pflegen?“ fragt er herausfordernd im Pressegespräch, das die Hintergründe eines lang andauernden Konflikts klären soll, an dessen Ende die traditionsreichen „Haydntage“ aus dem historischen Esterházy-Schloss – in dem Haydn rund vier Jahrzehnte wirkte und komponierte – herausflogen und stattdessen nun zwei neue Festivals Eisenstadt und das umliegende Burgenland bespielen. Der Intendant der „Haydntage“ Walter Reicher leitet nun die „Haydnlandtage“, und im Schloss wurde das neue Festival „Herbstgold“ aus der Taufe gehoben, für dessen Leitung Ottrubay den Berliner Musikmanager Andreas Richter ins Boot holte.
Die Frontlinien zwischen dem alten Festival, der burgenländischen Regierung und der Stiftung Esterházy mit dem Schloss verliefen auf verschiedenen Ebenen und sind schwer nachvollziehbar. Ein wesentlicher Punkt war für den Stiftungsmann Ottrubay jedoch die spürbare Vergreisung des alten Festivalpublikums. „Wir dürfen nicht aussterben mit einem alten Wiener Publikum“, unterstreicht er den erklärten Willen des neuen Festivals, unter dem Motto „Revolutionen“ ein jüngeres und breiteres Publikum anzusprechen. Auch mit Haydn. Aber eben auch mit Jazz, Roma-Musik, dem temperamentvoll stürmischen Nicolas Altstaedt als neuem Leiter des Residenzorchester „Haydn Philharmonie“, Talks, Lounge-Konzerten und dem kulinarischen Begleitprogramm „Pan O’Gusto“ in der Orangerie im Schlosspark.
Zwei Tage nach der Eröffnung beginnt der Freitagabend verheißungsvoll: Im voll besetzten Haydn-Saal, dessen legendäre Akustik tatsächlich ideal ist, sitzt nun das ORF Radiosinfonieorchester Wien und fegt unter der Leitung von Cornelius Meister jede Betulichkeit mit Verve hinweg. Am Beginn steht mit David Philip Heftis „Moments lucides“ ein Zeitgenosse auf dem Programm, was Teile des alten Festivalpublikums wohl als Sakrileg empfunden hätten. Das neue, tatsächlich einigermaßen gut gemischte Publikum wirkt weder irritiert noch überfordert. Dann folgt Carl Stamitz’ Konzert für Klarinette und Orchester mit dem Berliner Philharmoniker Andreas Ottensamer, der das hoch virtuose Werk mit ansteckender Spielfreude angeht und bemerkenswerten Witz entwickelt. Nach der Pause dann Beethovens „Eroica“, die von Cornelius Meister federnd, mit Mut zur harten Kante und ohne demonstratives Pathos geboten wird. Haydn gibt es an diesem Abend nur als Zugabe, dafür aber wahrlich exquisit musiziert. Danach sind die Konzertbesucher geladen, im dem Schloss gegenüber gelegenen Restaurant in einer „Nightline“ genannten Session Ottensamer in legerem Umfeld mit Bach, Scarlatti und Piazzolla zu erleben.
Am nächsten Mittag bietet „Pan O’Gusto“ Erzeugnisse des umliegenden Spitzen-Weinbau-Gebiets und regionale Spezialitäten, alles nachhaltig bewirtschaftet und dem Slow-Food-Gedanken verpflichtet. Fürwahr ist das eine gesegnete Region, das sanft gewellte Burgenland mit seinem Wein und dem prachtvollen Schloss Esterházy, das über der malerischen Stadt so heiter thront. In dessen Hof tritt abends, als aus dem Haydn-Saal mit Rock-Elementen massiv aufgepumpter Balkan-Sound des King’ Naat Veliov’s Original Kocani Orkestar aus Mazedonien heraus trompetet, eine ältere Dame. Blickt hinauf zu den geöffneten Fenstern, aus denen der martialische Sound dröhnt und fragt: „Wos is des?“ „Ein Konzert des neuen Festivals“ antwortet die Chronistin. Die ältere Dame schüttelt den Kopf: „Na, des is koa Konzert!“, dreht sich um und geht weg.
Auch das Konzert mit Balkan-und Roma-Sounds ist gut voll mit feierlustigem Publikum. Ein Neuanfang ist „Herbstgold“ also geglückt, und das ausgelagerte zweite Festival kann man durchaus auch als schöne Ergänzung und Bereicherung begreifen. Am dramaturgischen Konzept von „Herbstgold“ müsste aber noch gefeilt werden. Einstweilen wirkt es doch noch ein wenig beliebig.

Regine Müller

(Fotos: Wolfgang Riepl)


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