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09. — 15. Dezember 2017

Opernkonzentrat

Ist Wagners „Ring“ nicht in Wahrheit ein gigantischer Loop? Eine fatale Familien-Geschichte, an der sich exemplarisch gesellschaftliche Verfalls-Szenarien spiegeln und wiederholen? Der „Ring“ ist durchaus schon so oder ähnlich gedeutet worden. Regisseurin Tatjana Gürbaca aber hat nun im Team mit dem Dirigenten Constantin Trinks und der Dramaturgin Bettina Auer im Theater an der Wien gewagt, Wagners Opus Maximum systematisch auseinander zu nehmen und ganz neu zusammen zu setzen. Wagners Musik indes bleibt in Wien nahezu unangetastet. Denn sie wird weder verfremdet noch überschrieben.
Aus vier langen Abenden und etwa 15 Stunden Musik wird in Wien eine Trilogie, die nur noch neun Stunden dauert und ihren Blick auf die zweite und dritte Generation der Protagonisten konzentriert. Auf die Söhne und Töchter also, die mit der Schuld und den Schulden ihrer Ahnen fertig werden müssen. Der Schlüsselmoment, von dem alles weg und zu dem alles hinführen wird in dieser Neufassung, ist der Mord an Siegfried durch Hagen. Dass ausgerechnet Siegfrieds Tod das Zentrum dieser Neudeutung liefert, ist durchaus mit Wagner selbst zu begründen, denn genau an dieser Stelle begann Wagner 1848 mit dem Dichten des Librettos. Bevor er merkte, dass er auch die Vorgeschichte erzählen musste. Und auch der Kunstgriff des Erzählens in der Rückschau verweist auf Wagners eigene Erzähltechnik, die sich durch sein gesamtes Werk zieht. Gürbaca und ihr Team erzählen nun den „Ring“ in der Rückschau aus Sicht der drei Beteiligten der Mordszene: Hagen, Siegfried und Brünnhilde – als die betrogene Verräterin, die den Mord erst ermöglicht, weil sie Hagen Siegfrieds verwundbare Stelle verrät.
Alle drei Abende beginnen mit einem stummen Vorspiel, das den Schlüsselmoment des Mordes zeigt. Der erste Abend gehört dem Mörder Hagen, es geht los mit der ersten Szene des zweiten Akts der „Götterdämmerung“, es folgen aus „Rheingold“ das Vorspiel, die erste, dritte und vierte Szene und dann wieder sechs Szenen aus „Götterdämmerung“. Das Erstaunliche: Diese irrwitzigen Sprünge erzeugen keineswegs harte Brüche, sondern klingen musikalisch verbunden durch die höhere Logik der Leitmotive und szenisch beglaubigt durch Gürbacas lange Erzählstränge sichtbar machende Personenführung. Für verbindende Übergänge und hier und da nötige Modulationen zeichnet der Komponist Anton Safronov verantwortlich, der sich aber konsequent und geschmackssicher ausschließlich aus Wagners Motivmaterial bedient.
Der Remix geht musikalisch allerdings bewusst auf Kosten der berüchtigten Überwältigungs-Ästhetik der Wagner’schen Tonspur. Zumal die verwendete Instrumentierung durch Alfons Abbass vor allem im Blech stark reduziert und Constantin Trinks’ Dirigat ganz auf Transparenz setzt. Bühnenbildner Henrik Ahr zeigt zur Mordszene die Rückseite der Kulisse, später entstehen einfach abstrakte Räume, die nur sparsam bestückt sind. Gürbaca und ihr Team werfen nicht nur personell Ballast ab, sondern entzaubern auch die Requisiten: So ist etwa das Schwert Nothung nichts als ein albernes Brotmesser.
Mit „Schläfst du, Hagen, mein Sohn?“, Alberichs Aufforderung zur mörderischen Rache, hebt Gürbacas Rückschau an: Martin Winkler (grandios spielfreudig und der Star des Abends) ist zunächst ein verschwitzt nervöser Widerling, der seinen wie erloschen wirkenden Sohn Hagen (grandios: Samuel Youn) fordernd bedrängt, bis dieser wie ferngesteuert zur Rache einwilligt. Die Geschichte der Auslöschung und Traumatisierung des Sohnes Hagen, seine Instrumentalisierung durch seinen wiederum zutiefst erniedrigten Vater Alberich erzählt Gürbaca dann mit den „Rheingold“-Szenen, in denen der kindliche Hagen dem grausamen Spiel der Rheintöchter und der folgenden Überwältigung seines Vaters durch den gewaltbereiten Wotan und Loge beiwohnen muss. Gürbaca findet luzide Bilder dafür, wie dem Kind systematisch Welt- und Selbsthass eingetrichtert wird.
Es sind oft nur kleine, aber scharf zeichnende Gesten, mit denen Gürbaca Verletzungen und Zwänge zeigt, die heimlichen und unheimlichen Konstellationen zwischen den Generationen beleuchtet und Strategien offenlegt.
Und was sich bereits am ersten Abend versprach, löst sich am Ende weitestgehend ein: Das Wagnis der radikalen Dekonstruktion bietet tatsächlich neue und überraschende Einsichten in Wagners Monumentalwerk. Am letzten Abend „Brünnhilde“, wenn der Mörder Hagen wieder auftaucht, und sich das einzige Mal eine Szene wiederholt, nämlich die Doppelhochzeit bei den Gibichungen, hat man das Gefühl, Wagners erratischen Figuren tatsächlich näher gekommen zu sein. Der Wust an Verstrickungen hat sich nach den drei Abenden ein wenig gelichtet und geordnet. Indem Gürbaca etwa Hagen vom dumpfen Bösewicht zur tragischen Figur aufwertet, verleiht sie ihm gewissermaßen eine Fallhöhe. Auch Figuren wie Gunther und Gutrune, selbst Alberich gewinnen durch die Beleuchtung von Vor- und Nebengeschichten an Tiefenschärfe und Menschlichkeit.
Der zweite Abend „Siegfried“ hängt in der Mitte allerdings ein bisschen durch, trotz witziger Details, wie der als besoffener Wikinger gezeigte Fafner (famos in jeder Hinsicht und zuvor ein überzeugend widerlicher Hunding: Stefan Kocan) oder das im Fauteuil versteckte Nothung-Schwert. Auch zeigen sich bei „Siegfried“ stimmliche Grenzen der insgesamt leichtgewichtigen Besetzung. Ingela Brimberg als Brünnhilde läuft erst am letzten Abend „Brünnhilde“ zu großer, dann auch höhensicherer Form auf. Wie überhaupt am letzten Abend sich das Geschehen nochmals verdichtet und – auch im Graben – an Dringlichkeit gewinnt. Nach Brünnhildes Schlussmonolog „Starke Scheite schichtet mir dort“ – der auch hier am Schluss steht – dreht sich das zu einer schmalen Totenkammer für Siegfried geschrumpfte und dann nach allen Seiten verschlossene Bühnenbild langsam um sich selbst, und Hagen und Brünnhilde treten in ihrer Kindergestalt auf die Vorbühne. Betrachten das Kreiseln, nähern sich einander, nehmen sich bei der Hand. Gibt es doch Hoffnung?

Regine Müller

(Fotos: Herwig Prammer)


02. — 08. Dezember 2017

Märchenzeit

Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ nach dem berühmten Märchen der Gebrüder Grimm lockt jedes Jahr wieder, ungeachtet seiner brutalen Handlung, Familien in der Vorweihnachtszeit in die Opernhäuser – und ist übrigens auch das Thema des aktuellen RONDO-Hörtests. Im Dezember stehen gleich mehrere Premieren des Kassenschlagers bundesweit auf dem Programm: Die Staatsoper Berlin eröffnet nun endgültig ihr frisch renoviertes Haus unter den Linden mit der Premiere dieses Stücks am 8.12. (Musikal. Leitung: Sebastian Weigle, Regie: Achim Freyer). Am selben Abend feiert auch in Schwerin „Hänsel und Gretel“ Premiere, in der Regie von Toni Burkhardt, es dirigiert Martin Schelhaas. Und einen Abend später folgt noch eine Neuproduktion in Wuppertal, mit Julia Jones am Dirigentenpult, die Regie führt Denis Krief. Für Fans dieser märchenhaften Oper gibt’s also viele Gelegenheiten, mit dem Geschwisterpaar durch den Wald zu irren und gruselige Begegnungen zu machen.

(Foto: Erich Ferdinand/flickr.com)


25. November — 01. Dezember 2017

Tango-„Operita“

Keiner hat den Tango so geprägt wie Astor Piazzolla. Er hat sogar den überraschenden Spagat vollbracht zwischen Oper und Tango, denn in seine einzige Oper „María de Buenos Aires“ mischte er Tangos, Milongas, Canyengue und – natürlich! – den Tango Nuevo, sein Markenzeichen. Der argentinischen Stadt Buenos Aires, lange Zeit seine Heimat, brachte er mit dieser Oper eine musikalische Liebeserklärung. Das Libretto von Horacio Ferrer kreist um María, ursprünglich die Stadtheilige von Buenos Aires. In dieser Geschichte aber ist sie vieles, die „Tochter der Vorstädte“, alles andere als heilig, stattdessen begehrt und umworben, aber auch verlassen und glücklos. Die 16 klingenden Bilder, in denen Astor Piazzolla diese Geschichte arrangierte, spielen zwischen Welt und Unterwelt, geprägt von skurrilen Gestalten und merkwürdige Begegnungen. Zu dieser eigentümlichen Traumreise bilden die verschiedenen Tangomusiken den passenden Soundtrack. Dass man diese Oper auch mit Tänzern realisiert, liegt bei der Thematik und der Musik nahe. An der Oper Halle feiert die selten zu hörende „Operita“, wie Piazzolla sie bezeichnete, am 26. November Premiere – mit u.a. drei Tanzpaaren, einem kleinen Tango-Ensemble. Regie führt Daniel Bonilla-Torres, die musikalische Leitung hat Christopher Sprenger. Ein Ausflug ins sommerliche Argentinien für alle Wintermüden!

Noch bis 12. Januar an der Oper Halle.

(Fotos: Theater, Oper und Orchester GmbH/Falk Wenzel)


18. — 24. November 2017

Im Horrorhaus

Mieten kann schrecklich sein. Das weiß jeder, der schon mal Dauer-Ärger mit Heavy Metal hörenden Nachbarn oder unzuverlässigen Vermietern zu tun hatte, die einen mit Schimmel oder Wasserrohrbruch allein lassen. Wobei man als Mieter zumindest – im Vergleich zum Wohnungs-Besitzer – relativ schnell und unaufwändig wieder aus der Sache rauskommt. Der Komponist Arnulf Herrmann hat für die Oper Frankfurt ein Auftragswerk geschrieben, das ein wahres Horror-Mietszenario in zwei Stunden Spieldauer auf die Bühne bringt: Georg ist froh, ein Zimmer gefunden zu haben, ist es doch schwierig genug in Zeiten der Wohnungsnot. Frei wurde es, weil die Vormieterin sich aus dem Fenster gestürzt hat. Bald gibt es Anzeichen dafür, wie es zu dieser Tragödie gekommen war: Denn nach Georgs Einzug werden die Nachbarn schnell übergriffig, machen ihm das Leben schwer mit Beschwerden über seinen angeblichen Lärm. Ein Psycho-Drama entspinnt sich, in dem sich Angst und Einschüchterung immer mehr ausbreiten. Georg selbst wird zu seinem schlimmsten Feind, beschränkt er sich doch radikal in seiner Freiheit, nur um das Zimmer nicht zu verlieren. Was passiert in seinem Kopf, welche Bedrohung ist real? Zuletzt weiß das wohl niemand mehr. Die Geschichte ist eine Abwärtsspirale, an deren Ende der vollkommene Identitätsverlust von Georg steht. Der Bogen schließt sich letztlich und tragisch mit seinem Selbstmord.
Die Oper „Der Mieter“, nach einem Text von Händl Klaus (nach Motiven des Romans „Le Locataire chimérique“ von Roland Toporat) hat in der Regie von Johannes Erath und unter der musikalischen Leitung von Kazushi Ōno am 12. November Premiere gefeiert. Sehen kann man die Produktion noch bis 7. Dezember an der Oper Frankfurt.

(Fotos: Barbara Aumüller)


11. — 17. November 2017

Für „Slawa“

Vor zehn Jahren ist der Jahrhundert-Cellist Mstislaw Rostropowitsch, von seinen Freunden und Bekannten liebevoll „Slawa“ genannt, gestorben. In seinem 80 Jahre währenden Leben war er nicht nur ein außergewöhnlicher Cellist, sondern auch Dirigent, Künstler, engagierte sich gesellschaftspolitisch und war charismatischer Mittelpunkt eines großen Netzwerkes an Freunden und Förderern. Das Konzerthaus Berlin lädt nun ein, sich diesen Musiker und Menschen in einem neuntägigen Festival zu vergegenwärtigen, seine Kunst zu feiern und den Einfluss zu würdigen, den er auf Generationen von Cellisten hatte. Dafür treten Schüler und Kollegen zu einem wahren Cello-Marathon an: u.a. Alban Gerhardt, Daniel Müller-Schott, Sol Gabetta, Frans Helmerson, Wolfgang Emanuel Schmidt, David Geringas, Mischa Maisky und Anne-Sophie Mutter. In einer Reihe von Konzerten verwandeln sie die Hommage zu einem Cello-Festival, in dessen Mittelpunkt auch einige Werke stehen, die für Rostropowitsch komponiert wurden. Auch ein Vortrag seiner ehemaligen Schülerin Elizabeth Wilson, eine Filmvorführung und eine eigens herausgegebene Festschrift kreisen um das Phänomen Rostropowitsch.

Weitere Informationen und Tickets gibt es auf vwww.konzerthaus.de.


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