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Johannes Brahms

Die vier Sinfonien

Berliner Philharmoniker, Simon Rattle

EMI Classics 267 254-2
(166 Min., 10 u. 11/2008) 3 CDs

Qualmig, etwas basslastig und trotz eines entschlackten Klangbildes schwerfällig tapert der Anfang der ersten Sinfonie dahin. Die komplexe Logik des Stückes, Spiegel seiner schwierigen Entstehungsgeschichte, wirkt bei Simon Rattle durchdacht und souverän durchgespielt. Dennoch scheint die Deutung wie abgepaust, nachgezeichnet und überinformiert von der Aufführungsgeschichte des Werks. Man spürt einen vertrackten Willen, etwas im Detail anders zu machen – ohne dass eine eigene Position dabei wirklich gewonnen würde. Genau dies ist das Dilemma, das diesen ganzen Brahmszyklus prägt.
Nach Simon Rattles Hinwendung der Berliner Philharmoniker zur Neuen Musik (zu Beginn seiner Amtszeit) galt dieser Berliner Brahmszyklus als Prüfstein für die Überwindung einer vielfach beklagten Schwierigkeit Rattles mit dem klassischen Repertoire. Das Ergebnis überzeugt teilweise. Wunderbar das böhmische Flair im Kopfsatz der (gelungenen) Zweiten. Der finstere Groll zu Beginn der Dritten erlahmt allzu rasch. Das elegische Empfindeln in der Vierten wirkt einstudiert. Dem Finale der Ersten fehlt es an Schwungkraft. Gepackt wird man zuweilen vom Elan und von der Vitalität einzelner Phrasen, die indes durch Nebengedanken, Interpolationen und Effekte allzu oft wieder ausgebremst werden.
Man mag die Angewohnheit Rattles, musikalisch immer noch etwas hinzuzufügen, zu unterstreichen und anzumerken, als Stil ansehen. Was an diesem Brahmsausflug enttäuscht, ist das Fehlen eines musikantischen Temperaments. Der Sinn für Höhepunkte, für Spontaneität. Und ein durchgängiger, radikaler Impuls, aus dem erst der "natürliche" Fluss dieser Musik glaubhaft würde. Kurz: Zu Vieles wirkt hier ausgedacht, wie um die Ecke musiziert. Gelegentliche dynamische Brachialangriffe sollen innere Kraftmängel ausgleichen. Man meint Rattle zu sehen, wie er auf dem Pult, die Hände ekstatisch krallend, sich körperlich in die Musik hineinsteigert (was seine Publikumswirkung selten verfehlt). Um so mehr schmerzt der entspezifizierte Klang, die Verwechselbarkeit der Berliner Philharmoniker. Auf hohem Niveau unbefriedigend.

Robert Fraunholzer, 14.08.2009



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