Enno Poppe

Fell, Stoff, Brot, Haare, Zug

Dirk Rothbrust, Hannah Weirich, Ensemble Musikfabrik, Enno Poppe

Wergo/Naxos WER73952
(66 Min., 2017, 2019, 2020)

 

Enno Poppe

Fett, Ich kann mich an nichts erinnern

Bernhard Haas, Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Susanna Mälkki, Matthias Pintscher

BR Klassik/Naxos 900636
(55 Min., 5/2015, 7/2019)

 

Die Kompositionen des gebürtigen, mit Preisen regelrecht überhäuften Sauerländers Enno Poppe tragen zumeist nur kurze, prägnante Titel. Wie etwa „Trauben“, „Schrank“ oder „Öl“, „Rad“. Wer jedoch sofort versucht, zwischen ihnen und den akustischen Resultaten eine direkte Linie zu ziehen, hat oftmals schon verloren. Denn Poppe mag nicht nur die Irritation. Er liebt die Spielerei mit und die Spannung zwischen Erwartungen, Möglichkeiten und Widerhaken. Diese Art von Freigeisterei ist typisch für ihn. Der einstige Kompositionsschüler von Friedrich Goldmann und Gösta Neuwirth sowie zudem renommierte Dirigent will sich in keine musikideologische Schublade stecken lassen. Poppes Offenheit und sein offensiver Umgang sogar mit Walzer-Karikaturen, flippigem Jazz oder weltmusikalisch auf dem Kopf stehenden Celli erfreuen sich daher schon lange einer begeisternden Resonanz nicht nur in gewichtigen Neue-Musik-Zirkeln wie Donaueschingen und Witten. Nun sind gleich zwei CDs mit Werken erschienen, die allein schon von der Besetzung her kaum gegensätzlicher sein könnten. Gleich fünf Solo- und Kammermusikstücke finden sich auf der Einspielung des (einmal mehr phänomenalen) Kölner Ensembles Musikfabrik, das schon lange zu Poppes favorisierten Musikerteams gehört. Und diesmal lassen sich tatsächlich manche Titel nicht von der Instrumentation abtrennen. Gleich zu Beginn, in „Fell“, legt Dirk Rothbrust ein Drum-Solo hin, das Poppes Vorliebe auch für die Rockmusik widerspiegelt. Und das Violin-Solo „Haare“ (ebenfalls bravourös: Hannah Weirich) entpuppt sich als eine schauerlich-schöne Glissando-Geschichte. Aus dem Zeitraum 2008 bis 2016 stammen die hier versammelten Kompositionen. Und ob es sich dabei um den wild springenden und phosphoreszierenden „Stoff“ für neun Musiker handelt, um das ausgedünnte und doch so schelmisch burleske Stück „Brot“ oder „Zug“ für sieben Blechbläser – bei Enno Poppe kann die Neue Musik was erleben.
Über den zwei weiteren Werken Poppes, die vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks erstaufgeführt wurden, könnte hingegen das Motto „In der (Un-)Ruhe liegt die Kraft“ stehen. Das 2019 in Deutscher Erstaufführung und unter der Leitung von Susanna Mälkki gespielte Orchesterstück „Fett“ besitzt mit seinem Slow-Motion-Atmen und den dabei entstehenden, geheimnisvollen Zwischenfarben ein frappierende Nähe zur Orchesterkomposition „Coptic Light“ des Amerikaners Morton Feldman. „Ich kann mich an nichts erinnern“ für Chor, Orgel und Orchester lautet das zweite Hauptwerk dieser Einspielung, es ist die Vertonung eines Gedichts des von Poppe so hochgeschätzten Lyrikers Marcel Beyer. Im Jahr 2015 übernahm Matthias Pintscher die Uraufführung. Und auch hier verharrt das bisweilen sich ins Romantische zurückziehende Werk im Statischen und löst immer wieder atmosphärisch beklemmende Momente aus. Der einzige, aber nicht unerhebliche Haken bei dieser doch ebenfalls unbedingt hörenswerten Produktion besteht nur darin, dass man vom gesungenen Text leider nichts versteht.

Guido Fischer, 09.01.2021




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