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Die dänische Nachtigall

Hans Christian Andersen zum 200. Geburtstag

Seine Märchen kennt jedes Kind. Doch der dänische Dichter Hans Christian Andersen schrieb auch Opernlibretti, schwärmte für die Sängerin Jenny Lind und liebte einen Balletttänzer. Seine Gedichte und Geschichten liegen in zahlreichen Vertonungen vor und seine Reisebeschreibungen sind eine reiche Quelle für das europäische Musikleben des 19. Jahrhunderts.

Richard Wagner war beeindruckt: „Es ist, als erzählten Sie mir ein ganzes Märchen aus der Welt der Musik“, verriet er Hans Christian Andersen, als dieser ihn in Zürich besuchte. Der dänische Dichter hatte ihm dabei keineswegs aus seinen Märchen vorgelesen. Nein: er hatte Wagner mit einem Bericht über das dänische Musikleben unterhalten. Das aber sehr eindringlich: Wagner, der am liebsten von sich und seinen musikalischen Plänen redete, hörte geduldig zu – und ließ sich am Ende sogar ein Werk des dänischen Komponisten J.P.E. Hartmann schicken.
Selbst Kenner können also Neues lernen, wenn sie sich mit Andersen und seiner lebenslangen Leidenschaft für Musik beschäftigen. Von den Reisebeschreibungen bis zum „Dum dum dumelum!“ und anderen Lautmalereien in den Märchen durchzieht sie die Zeugnisse von Andersens Leben. Und oft öffnet sie den Blick für die unbekannteren Seiten des Dichters.
Schon als Kind sang Andersen gerne – die Erwachsenen nannten ihn darum auch „die kleine Nachtigall aus Fünen“. Seine Mitgesellen in der Odenser Kleiderfabrik (wohin ihn die Mutter zum Arbeiten geschickt hatte) reagierten ablehnend. Seinem Selbstbewusstsein schadete das Erlebnis nicht – zumal sich Andersens Interesse an der Musik bereits untrennbar mit der Liebe zum Theater verbunden hatte. Besonders muss den Jungen die Aufführung der Oper „Cenerentola“ von Nicolas Isouard beeindruckt haben, an der er sogar als Statist mitwirken durfte. Als Vierzehnjähriger wählte er eine Szene aus eben dieser Oper aus, um das „Märchen seines Lebens“ Wirklichkeit werden zu lassen. In der Rolle des Aschenputtels, tanzend, singend und in Ermangelung eines Tambourins rhythmisch auf seinen Hut einschlagend, stellte er sich eines Tages bei der überraschten Primaballerina des Kopenhagener Theaters vor. Die Tänzerin wies ihn ab, doch wenige Tage später hatte der Junge bei einem ähnlichen Auftritt im Salon des Tenors Giuseppe Siboni Glück: Der mittellose Junge erhielt kostenlosen Gesangsunterricht, während der ebenfalls anwesende Komponist C.E.F. Weyse auf einem Teller Geld für Andersen sammelte.
Aus der Theaterkarriere sollte dann doch nichts werden: Mit dem Stimmbruch wurden die Gesangsstunden aufgegeben. Doch in philanthropisch gesinnten Kreisen der Gesellschaft war man auf den genialischen Jungen aufmerksam geworden und ermöglichte ihm die dringend nötige Schulbildung. Mit Recht feierte Andersen seine Ankunft in Kopenhagen am 6. September 1819 als seinen eigentlichen Geburtstag.
In den klammen ersten Jahren als Autor besserte Andersen seine finanzielle Lage damit auf, dass er Operntexte verfertigte, darunter eine „Braut von Lammermoor“. Große Erfolge wurden diese frühen Opern nicht. Das Libretto zu „Das Fest von Kenilworth“, das Andersen für seinen Gönner Weyse dichtete, fiel sogar gnadenlos durch: Es „folgten anonyme Angriffe, plumpe, mit der Stadtpost übersandte Briefe, worin die unbekannten Verfasser mich verhöhnten und verspotteten“.
Den einzigen achtbaren Erfolg erlebte Andersen mit der 1846 uraufgeführten Oper „Liden Kirsten“. Das balladenhafte nordische Sujet inspirierte den Komponisten J.P.E. Hartmann zu einem seiner besten Werke. 1856 wurde die Oper auf Initiative Franz Liszts in Weimar aufgeführt und natürlich ist das Werk auch dabei, wenn Andersens Geburtstadt Odense im August dieses Jahres ein Opernfestival für seinen berühmten Sohn ausrichtet.
Noch glücklicher empfanden die Zeitgenossen die Verbindung von Dichtung und Musik in Andersens Romanen. Hier wimmelt es geradezu von Musikern und wer sich durch Kitsch und mutwillige Handlungsumschwünge nicht entmutigen lässt, kann spannende Beobachtungen machen. Zum einen flossen tatsächliche Konzert- und Opernerlebnisse Andersens in die Beschreibungen mit ein. Zum anderen spielte der Autor in den Romanen mit großer Freiheit diverse Geschlechter- und Künstlerrollen durch. Das interessierte auch Felix Mendelssohn Bartholdy: Er ließ sich während einer Krankheit den Roman „Nur ein Spielmann“ vorlesen, in dem sich ein scheiternder Künstler namens Christian in die androgyne Jüdin Naomi verliebt. In seinem letzten Roman „Glückspeter“ fantasierte sich der Dichter in die Rolle eines Sängers hinein: Der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Held macht dabei neben der seelischen auch eine musikalische Entwicklung durch und zwar vom Sänger in Meyerbeers „Robert der Teufel“ bis zur Hauptrolle im „Lohengrin“. Er stirbt, als er in der von ihm selbst gedichteten und komponierten Märchenoper „Aladdin“ alle seine Leidenschaft zusammennimmt und auf eine Frau richtet, die ihm gegenüber in einer der Logen des Opernhauses thront.

„Ich bin eine männliche Jenny Lind, ich bin in Mode!”

Auch im wirklichen Leben gelangen Andersen bemerkenswerte Schwärmereien. Gern wird seine unglückliche Liebe zu der berühmten Opernsängerin Jenny Lind, der „schwedischen Nachtigall“ genannt. Dabei schwang wohl eine gehörige Portion Identifikation mit dem angebeteten Gegenüber mit: „Sie singt deutsch, wie ich wohl meine Märchen lese,“ verglich sich Andersen mit Jenny, „das Heimatliche schimmert durch, aber, wie sie von mir sagten, gerade das schafft etwas Interessantes.“ Und über seine eigenen Erfolge jubelte er: „Ich bin eine männliche Jenny Lind, ich bin in Mode!”
Wer auch etwas über Andersens Liebe zu Männern erfahren will, muss sich allerdings in neueren Biografien informieren. (Klarheit in Liebesdingen bringt die genaue, aber nicht voyeuristische Publikation von Jens Andersen) Eine dieser stets platonischen, aber heftigen Liebschaften war die zu dem jungen Balletttänzer Harald Scharff. Die Liaison hatte ein ungewollt dramatisches Nachspiel: Nachdem die Beziehung zu Andersen schon abgekühlt war, sollte Scharff in einem Ballett nach dem Märchen „Der standhafte Zinnsoldat“ die Hauptrolle tanzen. Doch vor dem Auftritt verletzte er sich so schwer an der Kniescheibe, dass er seine Karriere beenden musste.
Nicht nur wegen solcher Affären lohnt der genaue Blick in Tagebücher, Briefe und Reisebeschreibungen. Da der Dichter so oft wie möglich Theater, Opern und Ballette besuchte und berühmten Komponisten Besuche abstattete – so etwa Rossini, Cherubini, Meyerbeer, Liszt, den Schumanns und Mendelssohn –, bieten sie eine reiche Quelle an Notizen aus dem Musikalltag des 19. Jahrhunderts. Tiefgreifende Analysen darf man von dem impulsiven Andersen dabei nicht erwarten: Nachdem er zum ersten Mal „Lohengrin“ gehört hatte, überraschte er den begeisterten Liszt mit dem lapidaren Stöhnen „Ich bin halb tot“. (Er war dafür einer der wenigen, die bei der Aufführung der Tannhäuser-Ouvertüre durch Mendelssohn in Leipzig applaudierten.) Die Nachwelt berühren auch Tagebucheintragungen wie diese: „In der Oper ‚Der Troubadour‘. Vortrefflich sangen Herr Müller und Frau Wilt, Namen, die verklingen und verschwinden und doch sehr schön.“
Viele Kompositionen wurden seit Andersens Tod von seinen Texten inspiriert – im Jubiläumsjahr boomen sie geradezu: Allein das dänische Projekt „Symphonic Fairytales“ bringt weltweit zehn neue symphonische Werke nach Andersen- Stoffen heraus, so etwa von Per Nørgård. Am 29. April wird auch Bobby McFerrin in der Århuser Konzerthalle eine Andersen- Hommage uraufführen und nächstes Jahr bringt die Oper Kopenhagen gar ein Musiktheaterwerk von Elvis Costello auf die Bühne – Thema: Andersen und Jenny Lind.
Lieblingssujet und Lieblingsmärchen der meisten Komponisten ist allerdings – wie könnte es anders sein – „Der Kaiser und die Nachtigall.“ Strawinskys früher Einakter „Le Rossignol“ geht ebenso darauf zurück wie Henzes Ballett „L’usignolo dell’imperatore“. Auch in den letzten Jahren sind vom Off-Musical bis hin zur Pekingoper viele originelle Vertonungen des Märchens hinzugekommen. Am nachhaltigsten beeindrucken jedoch oft Kompositionen, die nach düsteren Seiten des Dichters fahnden: Alexander Zemlinskys orchestrale Charakterstudie „Die Seejungfrau“ kann man ebenso dazu rechnen wie die Oper „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, mit welcher der spröde Avantgardist Helmut Lachenmann 1997 einen unerwarteten Publikumserfolg erzielte.
Mit sicherem Blick griff ja schon Schumann für seinen Liederzyklus op. 40 (der wohl bedeutendsten Andersen-Vertonung zu Lebzeiten des Dichters) auf recht abgründige Gedichte zurück: Da kreischen Raben an der Wiege eines Kindes und ein Soldat muss seinen geliebten Kameraden exekutieren. Die Musik, so schrieb er an Andersen „wird Ihnen vielleicht im ersten Augenblick sonderbar vorkommen. Ging es mir doch selbst mit Ihren Gedichten so! Wie ich mich aber hineinlebte, nahm auch meine Musik einen immer fremdartigeren Charakter an.“

Neue Bücher zum Andersen-Jahr:

Jens Andersen: Hans Christian Andersen. Eine Biographie

H.C. Andersen: Nur ein Spielmann (Roman)

H.C. Andersen: Peer im Glück (Roman). Fußreise von Holmens Kanal. Manesse

Musik nach Texten von Andersen:

J.P.E. Hartmann

Liden Kirsten

Danish National Symphony Orchestra, Michael Schønwandt

dacapo

Schumann

Lieder op. 40 (u. a.)

Thomas Hampson, Geoffrey Parsons

Teldec

Zemlinsky

Die Seejungfrau

Tschechisches Philharmonisches Orchester, Antony Beaumont

Chandos

Lachenmann:

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern

SWR Sinfonieorchester u. Vokalensemble, Sylvain Cambreling

ECM

Neue CDs mit Musik für Kinder (und Erwachsene):

Lully, Tosti, Wagner

Des Kaisers neue Kleider

Matthias Brandt

Edition See-Igel

Arnold Winternitz

Die Nachtigall. Musikalisches Märchen für Sprecher und großes Orchester

Nürnberger Symphoniker, Maria Schell, Alicja Mounk

Colosseum Records

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 2 / 2005



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